Jugend- und Erwachsenen-Bücher

Hintergrundbild

Duette mit ihm

Röhl, Alexandra


Über die Freundschaft mit einem Rotkehlchen.

Insbesondere Vogelfreunde werden eine große Freude daran haben.

Es liest sich flüssig, ist in ein bis zwei Stunden gut und gerne gelesen.

Ab 12 Jahre.

(R. K.)

mutig, mutig

Pauli, Lorenz (Bilder von Kathrin Schärer)

Wozu es wirklich Mut braucht, wird so einfach erzählt mit einem unver-mut-eten Ende.

Der Text wirkt für sich, auch ohne die ulkigen Illustrationen aus außergewöhnlichen Blickwinkeln.

Angeboten wird es als Kinderbuch, doch noch mehr können Jugendliche und besonders Erwachsene von „mutig, mutig“ gewinnen.

(G.K.)

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Goethe, Johann Wolfgang von

Edelgesinnt und begeisterungsfähig ist er als Jüngling und bleibt es als junger Mann: Wilhelm Meister, beständig auf der Suche, bestrebt sich zu bilden und stets bereit, selbstlos anderen zu helfen, wo es Not tut.

Für seine innerliche Freiheit und Geistentwicklung gibt er ohne viel zu überlegen Altes auf und geht wagemutig Neues an. Dabei begeht er auch Fehler, muss schmerzlich Erfahrungen sammeln,  aber … er bleibt sich und seinem guten Wollen treu.

Bereits als Kind begeistert sich Wilhelm für das Schauspielen, schließt sich als junger Mann einer Theatergruppe an, wobei er erreicht, in Shakespeares „Hamlet“ die Hauptrolle zu spielen.

Unterhalten, aufklären und erheben“ versteht Goethe in bestem Sinne. Mitreißend lässt er die Leser verschiedene junge Frauen-Persönlichkeiten erleben, für die Wilhelm schwärmt oder denen er zugeneigt ist: Mariane, seine Jugendliebe. Philine, die hübsche Schauspielerin, welche ihn aufdringlich zu umgarnen versucht, die er aber nicht achten kann. Aurelie, auch Schauspielerin,  schätzt er, kann sie aber nicht von Herzen lieben. Und dann die junge schöne Gräfin, welche Wilhelm mit großer Sympathie begegnet und er ihr.–

Von Straßenräubern überfallen, kommt dem verletzten Wilhelm eine schöne „Amazone“ zu Hilfe, die nach ihrer Hilfeleistung spurlos verschwindet. Nach langem Sehnen und Suchen trifft er diese seine „Traumfrau“ wieder sowie deren Freundin Therese. Bei beiden Frauen verehrt er deren natürliche weibliche Würde. Beide Frauen teilen seine hohen Ideale und er die ihrigen.

Der Liebreiz und die außergewöhnliche Tatkraft dieser zwei jungen Frauen beflügeln Wilhelm; denn er sieht wie die Freundinnen vom Schönen, Edlen, Wahren nicht nur reden, sondern tagtäglich daran arbeiten, ihre Umgebungen in schönster Weise zu „erheben“, wobei sie sich auch für die Erziehung und Bildung von Mädchen und Jungen einsetzen.

Diese klaren, hellen Wesensarten von Therese und Nathalie (der schönen „Amazone“) sind es, die Wilhelm innerlich weiter und weiter hinanziehen. Gleichzeitig „bilden“ ihn die Gespräche mit dem französischen Abbé und der Aufenthalt im Schloss von Natalies Oheim weiter.

Die Handlung ist voller Ver- und Entwicklungen mit einem stetigen Sich-Wiederfinden von Personen, die gegenseitig noch etwas „abzulösen“ haben. Manches in der Erzählung klingt mir zu phantastisch, insbesondere Wilhelms geistige „Begleitung“ durch die „Turm“-Geheimgesellschaft.
Würde ich dieses Buch wieder lesen wollen? Oh ja, allein wegen der lebendigen Wesensschilderungen von edlen und geistreichen Menschen, was diese empfinden, wie sie denken und handeln.
Leser, die solche herausragenden Männer- und Frauen-Charaktere erleben mögen, werden Freude und Gewinn finden; denn das sind gemäß Goethe

„Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum Nachstreben.“

(G.K.)

Eine unbegabte Frau

Burgess, Alan

Originaltitel: The Small Woman
Dies ist die wahre Geschichte eines einfachen englischen Dienstmädchens namens Gladys Aylward (1902-1970). Diese ist erfüllt von der Idee, als Missionarin nach China zu gehen. Von der Londoner Missionsschule abgewiesen, weil sie „zu unbegabt“ sei, überwindet sie unüberwindbar scheinende Hindernisse, um sich ihren Traum dennoch zu erfüllen. Als sie sich endlich im Alter von 30 Jahren mit der Transsibirischen Eisenbahn alleine auf die weite Reise begeben kann, sind Russland und China miteinander im Krieg, was sie vor neue Herausforderungen stellt.
Letztlich gelangt sie in einen abgelegenen Bergort der Provinz Shanxi, wo sie bei einer alten britischen Missionarin als Gehilfin arbeiten kann.
Ganz allmählich lebt sie sich ein und beginnt die Chinesen mit ihren seltsamen Sitten nach und nach zu verstehen. Das anfängliche Misstrauen der Menschen schwindet, als sie sich mutig und vorbildlich in ihrer Menschlichkeit zeigt.
Nach dem Tod der Missionarin nimmt Gladys verwahrloste Kinder bei sich auf, schafft es, meuternde Gefängnisinsassen zu beschwichtigen und wird nach dem Einfall der Japaner in den blutigen Schrecken des Krieges zur Heldin und Trösterin der Verwundeten und Sterbenden.
Letztlich zur Flucht gezwungen, führt sie zugleich etwa hundert gefährdete Kinder alleine über die Berge und den Gelben Fluss in die Sicherheit eines Flüchtlingsheimes.
Durch die Strapazen und Verwundungen geschwächt, ringt Gladys lange mit dem Tod, bevor sie sich letztlich erholen und ihr Wirken fortsetzen kann.

(E.H.)

Onkel Toms Hütte

Beecher Stowe, Harriet

Originaltitel: Uncle Tom’s Cabin
Onkel Tom ist ein Sklave mit großem Gottvertrauen, der schwierigste Umstände meistert und auch anderen Trost und Stütze ist. Ich musste oft weinen beim Lesen. Danach möchte man eines: Sklavenhandel (den es auch heute noch gibt) soll sofort und für immer abgeschafft werden.
Sehr gute Charaktere werden neben den üblen geschildert.

(RK)

Am Jenseits

May, Karl

Neben dem Abenteuerlichen nimmt auch Übersinnliches einen bedeutenden Raum ein in dieser Erzählung Karl Mays, die sich mehr für die nicht ganz so jungen Leser eignet.

Die Handlung spielt in und um Mekka. Kara Ben Nemsi  (alias Old Shatterhand) rettet in der Wüste den blinden Münedschi vor dem Tode. Der Münedschi hat die Gabe des Hellhörens und Hellsehens, gibt kund, was der Jenseitige El Nûr berichtet über die „Brücke des Todes“, den „Ort der Sichtung“ und die „Waage der Gerechtigkeit“.

Ausführlich beschrieben wird, was die Seelen nach dem Tod und Verlassen ihrer Erdenkörper am „Ort der Sichtung“ erwartet. Dort sieht der Leser die Ankunft der „Frommen“, „Guten“, „Gerechten“, „Liebenden“, „Klugen“, „Reinen“, d.h. die sich dafür halten. Dieses Kapitel kann jedem Leser auch zur Selbsteinschätzung dienen: Was ist bei mir Schein und was echtes Sein?

Da der Ich-Erzähler für diese Kundgebung aus dem Jenseits eine Erklärung sucht, fällt ihm ein einstiges Gespräch mit seinem Blutsfreund Winnetou ein:

Winnetou, der nüchternste, der hell- und scharfdenkendste aller roten Männer, war gewiss kein Phantast, aber … fiel mir ein Abend ein, an welchem wir ganz allein hoch oben in der Einsamkeit des Flintpasses saßen, ernste Gedanken austauschend, und dabei auch das Übersinnliche berührend. Ich hatte das Gebet erwähnt; da sagte er:

»Du wirst dich wohl schon oft gewundert haben, dass ich in Gefahren etwas ganz Unerwartetes tat, was keinen Grund zu haben schien und uns doch errettete. Du schriebst es meiner Klugheit zu, aber ich handelte nur nach dem Willen derer, die du Schutzengel nennst. Vielleicht kommt die Zeit, dass ich dir mehr über sie sage. Jetzt muss ich selbst noch lernen und erfahren, denn es ist nicht leicht, sie zu verstehen, und sehr oft irre ich mich noch. Es könnte jeder Mensch empfinden, was der große Manitu ihm durch die Engel sagt, wenn er mehr auf sich und ihre Stimme achtete und sich befleißigte, sie nicht dadurch zu betrüben und von sich fortzustoßen, dass er Böses tut.«

Karl May beabsichtigte, als Fortsetzung zu „Am Jenseits“ noch den Band „Im Jenseits“ folgen zu lassen, aber er kam in seinem Erdenleben nicht mehr dazu.

(GK)

Brigitta

Stifter, Adalbert

Eine Erzählung von Freundschaft der schönsten Art, von Aufrichtigkeit und gleichem Streben zweier Menschen.

Die Frau mit außergewöhnlich tiefem und schönem Augenausdruck, aber äußerlich nicht hübsch, wird umworben von einem sehr umschwärmten, auch körperlich schönen Mann.

Diese zwei schönen Seelen, Brigitta und „der Major“, zeichnet Stifter auf behutsame, leise, ruhige Weise.

Die Vornehmheit der beiden, deren tiefes einander Geneigtsein und eine dazu passende edle, gemütvolle Sprache, bewegten mich auch beim fünften Lesen bzw. Hören, werden es zukünftig wieder tun.

Sehr empfehlenswert auch als Hörbuch; denn Christian Brückner als Sprecher findet bei „Brigitta“ den richtigen Ton.

(GK)

Die weiße Rose

Scholl, Inge

Sehr bewegend ist die Jugendzeit für die Geschwister Scholl und ihre gleichaltrigen Kameraden: Wandern, zelten, Tiere beobachten, Schitouren, singen und musizieren, lachen und zu Späßen aufgelegt sein. Sie begeistern sich für gute Bücher, Theateraufführungen, Konzerte, Filme, Malerei und die Naturschönheiten ihrer Heimat.
Wie gerne wäre ich nicht nur als Leser dabei gewesen, sondern selber befreundet mit solchen frohen, ernsten und ernstzunehmenden jungen Menschen.
Als es gilt für Geistesfreiheit und wahres, edles Menschentum einzustehen, stellen etliche der Freunde und Gleichgesinnten sich dem verbrecherischen Ungeist der „Partei“-Herrschaft mit Flugblättern entgegen. Konsequent leben die Freunde ihre Ideale und ihre gewonnene Überzeugung bis … zu ihrer Hinrichtung als Widerstandskämpfer.
Sehr einfühlsam zeichnet Inge Scholl das Bild ihrer Jugendzeit mit ihren jüngeren Geschwistern Sophie und Hans. Der Leser versteht, was diese 15- bis 25-Jährigen äußerlich und innerlich bewegt, was sie freut und was sie traurig macht.

(Pu)

Ferien vom Ach

Foerster, Karl

Wie der Titel bereits anklingen läßt, soll dieses Büchlein den auf das „Ach und Weh“ der Erdenschwere gesenkten Blick des Lesers auf die kleinen und großen Wunder des Lebens lenken.

In der ihm eigenen Sprachgestaltung fängt der namhafte Gartengestalter und Züchter winterharter Blütenpflanzen Karl Foerster (1874 – 1970) den Zauber des Augenblicks ein, sowohl in farbenprächtigen Naturschilderungen als auch in feingezeichneten Portraits. Frohen Jugenderinnerungen folgt eine Sammlung  tiefsinniger Erkenntnisse aus Erfahrungen eines langen, erfüllten Lebens. Bunte Wortgirlanden schmücken Reiseerlebnisse und Heimatschätze.

Dazwischen weisen freundliche Zurufe dem Aufhorchenden hellere Wege. Denn, so sieht es Karl Foerster,

„es wäre doch auch widersinnig, sich endlos um schönere Gärten und Blumen zu mühen, wenn damit nicht auch wirksam auf ein höheres Blühen in der geistigen Welt hingearbeitet würde.“

Ein Kleinod für alle Stimmungslagen, in dem ich immer wieder mit Freude lese.

(MW)

Marie des Brebis (Der reiche Klang des einfachen Lebens)

Signol, Christian

Christian Signol schildert eindrucksvoll die Lebensgeschichte der betagten Marie Bonneval, der „Schafsmarie“.
Anfang des letzten Jahrhunderts im Südwesten Frankreichs geboren, durchlebt sie die Bedrängnisse zweier Weltkriege, verliert geliebte Menschen und schließlich auch ihr vertrautes Zuhause. Voller Gottvertrauen und Bescheidenheit meistert sie die tragischen Ereignisse ihres Schicksals.

Doch im Rückblick in Dankbarkeit überwiegen die glücklichen Erinnerungen – „der reiche Klang des einfachen Lebens“:

Ein alter Schafhirte nimmt das Findelkind fürsorglich in seine Obhut, um es vor dem Waisenhaus zu bewahren. Zeitlebens fühlt sich Marie bei den Schafen wohl und wächst naturverbunden auf im Rhythmus der Jahreszeiten. Die kalten Monate verbringen die beiden auf dem Hof eines warmherzigen kinderlosen Weinbauernpaares, die die Kleine als Geschenk des Himmels betrachten und adoptieren. Sie ermöglichen ihr eine Schulbildung.

Mit der Ankunft eines Gehilfen für die Hofarbeit nimmt das Schicksal Maries eine weitere Wendung. Eine zarte Liebe keimt auf, und nach Ende des ersten Weltkriegs heiraten die beiden.

In Vertrauen, mit Lebensfreude und Fleiß schaffen sie sich ein Heim und führen ein glückliches Familienleben mit drei Kindern. Ein Unfall bringt Maries Gabe des Heilens zutage. Fortan wirkt sie segensreich unter der armen Landbevölkerung.

Als ihre erwachsenen Kinder bereits eigene Wege gehen, lernt sie endlich ihre Mutter und deren Lebensgeschichte kennen. An deren Sterbebett finden sie in Liebe und Frieden zu einander.

Und immer ist es die Liebe, die sie leitet, sie das Glück tief empfinden läßt und durch alles Schwere trägt.

In diesem berührenden Buch sind die sonnige Landschaft des Quercy, die miteinander verwobenen Schicksale der Menschen und die persönlichen Erinnerungen Maries so lebendig geschildert, daß sie nicht nur vor dem inneren Auge stehen, sondern geradezu greifbar miterlebt und nachempfunden werden können.

(MW)

Der erste Lehrer

Aitmatov, Tschingis

Original:  Первый учитель

Kirgisien (Sowjetunion) 1924: Allein auf sich gestellt, von den anderen Dorfbewohnern belächelt und gegen deren Willen baut der „erste Lehrer“ Düischen einen früheren Pferdestall um zu etwas, was es in dieser abgelegenen Gegend noch nie gab: eine Schule. Er selbst hat keine Schulbildung, aber getrieben vom Sinn und Ziel seiner Arbeit, fördert der idealistische junge Lehrer seine Schülerinnen und Schüler, wo immer er kann.–

Sehr einfühlsam beschrieben. Ein dünnes Buch mit starkem Inhalt.

(GP)

P.S. Aitmatov bringt seine Sympathie für kommunistische Ideen unaufdringlich zur Sprache. Lenin wird von seiner Hauptfigur idolisiert, doch ist es Düischen damit ernst, die kommunistischen Ideale nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben.

Von Autor vermutlich nicht beabsichtigt: Aus seiner Erzählung wird auch ersichtlich, warum das sozialistisch-kommunistische „Paradies auf Erden“ ein Luftschloss ist, eine Utopie bleiben wird; denn kein anderer in der ganzen Handlung des Buches ist auch nur annähernd so sozial und hilfsbereit gesinnt wie Düischen, so ganz auf das Allgemeinwohl bedacht. Zu unterschiedlich ist die charakterliche Reife von uns Erdbewohnern und insbesondere von den ganz uneigennützigen, sehr liebevollen Menschen (wie Aitmatovs erstem Lehrer) gibt es zu wenige!

Artaban, der vierte Weise

Dyke, Henry van (Bilder von Katharina Gutknecht)

Von dieser Geschichte existieren verschiedene Versionen anderer Autoren: Der vierte König, der zu spät kam, weil er durch seine selbtlose, hilfsbereite Art unterwegs immer wieder aufgehalten wurde.

Die anderen drei Könige kommen rechtzeitig zu Jesu Geburt, bringen ihre Geschenke, aber haben Ihn mit ihrer Macht nicht weiter geschützt und damit ihre eigentliche Aufgabe nicht erkannt. (RK)

Besonders schön sind die Illustrationen in der Ausgabe des Ogham-Verlags.

Das wiedergefundene Licht

Lusseyran, Jacques

Originaltitel: And there was Light

Untertitel der ersten Auflage: „Die Autobiographie eines Menschen, den seine Blindheit sehen lehrte“.

Freudig, leidenschaftlich und innig beschreibt der Autor seinen Lebensweg. Er ist ein idealistischer junger Mann, der kein Zaudern, Zagen, Zweifeln kennt, obwohl er im Alter von acht Jahren durch einen Unfall erblindet. Aber … er „sieht“ und vor allem spürt sehr viel mehr als andere, entwickelt ein auch für Nicht-Blinde weit überdurchschnittliches Wahrnehmungsvermögen und eine fast 100%ige Menschenkenntnis.
Sehr bewegend beschreibt Jacques seine Freundschaft mit dem edelgesinnten Gleichaltrigen Jean.

Sehr beeindruckt hat mich, wie Jacques Lusseyran als Zwanzigjähriger die Haft im Konzentrationslager Buchenwald übersteht, was ihm durch seine geistige Überzeugung gelingt.
Dieses Buch ist Seite um Seite sehr empfehlenswert.

(GK)

Mir als Frau wäre es lieber, wenn es dieses Buch in zwei gesonderten Teilen gäbe:
Einen ersten Teil (Kindheit und Jugend) für alle Menschen, die sich mit Feinerem befassen möchten.
Und einen zweiten Teil (Aktive Untergrundbewegung und nachfolgend Haft im Konzentrationslager), welches ich vereinzelt z.B. an junge Männer (Kämpfer) weitergeben würde.

(UM)

 

Krabat

Preußler, Otfried

Anspruchsvoll und unheimlich.

(P.P.)

 

Der vierzehnjährige obdachlose Waisenjunge Krabat ist froh, als er Arbeit, Schlafplatz und Essen in einer Mühle bekommt. Dort muss er sich, wie die anderen elf Gehilfen, dem dunklen „Meister“ verdingen, wo er das Müller-Handwerk lernt und auch die Zauberei. Krabat erlebt, wie die satanische Magie jene mächtig und stark macht, die ihr folgen und sich ihr beugen. Aber … froh wird er dabei nicht und frei ist er nicht mehr; denn er hat seinen Willen dem Willen des schwarzen Meisters untergeordnet.

Nach traurigen Erlebnissen und dem Tod zweier ihm nahestehender Müller-Gesellen beginnt er, heimlich sich zu rüsten für den Kampf mit dem Magier-Meister. Dafür muss er viel lernen, um seinen eigenen Willen zu stärken. Außerdem braucht er, um seine Freiheit zu gewinnen, die Zuneigung und Liebe eines Mädchens.

Im Endkampf stehen sich die Kraft der selbstlosen Liebe und die dunkle Macht der Schwarzen Magie gegenüber.

Während der ersten fünfzig Seiten überlegte ich mehrmals, mit dem Lesen aufzuhören. Zwar ist es fesselnd geschrieben, aber ich kann dem Gruseligen nichts abgewinnen.  Da ich aber verstehen wollte, warum mir ein Lehrer und Vater vierer Kinder dieses Buch empfohlen hat, las ich weiter und … tatsächlich hat der Schlussteil des Buches mich entlohnt; denn von jetzt an gehören das Mädchen Kantorka, der Jüngling Kravat und sein Freund Juro auch zu meinen Lieblingshelden.

Wer mit Kravat, dessen Weg zur Erlösung und Freiheit gehen will, muss wissen, worauf er sich beim Lesen dieses Buches einlässt: viele, viele Seiten voller Zauberformeln, schwarzer Magie, Beeinflussung der Gedanken anderer, Verwandlungen von Menschen in Tierkörpern, Angst, Demütigung, Misstrauen, Mord und Tod

(Pu)

Otfried Preußler schreibt über sein Werk:

„Mein Krabat ist keine Geschichte, die sich nur an junge Leute wendet, und keine Geschichte für ein ausschließlich erwachsenes Publikum. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat. Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken. Da gibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon freizumachen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der Kraft der Liebe zuwächst, der Liebe, die stärker ist als die Macht des Bösen und alle Verlockungen dieser Welt.“

Kepler (Biografie / Sachbuch)

Hemleben, Johannes

Albert Einstein schreibt über seinen „Berufskollegen“ Johannes Kepler:

„Weder durch seine Armut noch durch das Unverständnis der maßgebenden Zeitgenossen, die den Verlauf des Keplerschen Lebens und Werkes erheblich bestimmten und die freie Entfaltung seines Könnens behinderten, ließ er sich zähmen oder entmutigen. Dabei hatte er es mit einem Gegenstande zu tun, der den Bekenner der Wahrheit auch unmittelbar gefährdete. Er gehörte jedoch zu den Wenigen, die überhaupt nicht anders können, als auf jedem Gebiete offen für ihre Überzeugungen einzustehen.“

Kepler ist sowohl offizieller „Mathematicus“ dreier aufeinanderfolgender Kaiser, als auch Lehrer, Naturforscher und Sternenkundiger (Astronomie und Astrologie), unter anderem Entdecker der nach ihm benannten drei Keplerschen Gesetze. Vor allem anderen ist Kepler ein Wahrheits- und Gottsucher.

Zu seinen Überzeugungen steht er unverbrüchlich, auch wenn er dadurch auf „Karriere“ und Geld verzichten oder ins Exil gehen muss.

Als lutherischer Protestant weigert er sich unter Lebensgefahr, zum Katholizismus überzutreten, wird dann später von der lutherischen Kirche ausgeschlossen, weil er nicht bereit ist, ein Dokument zu unterschreiben, das sich gegen die calvinistischen Protestanten richtet. Gefährlich für Kepler ist auch sein öffentliches Dafür-Eintreten, dass die Sonne sich nicht um die Erde bewegt, sondern das Umgekehrte der Fall ist. Hinzu kommt sein mehrjähriger Kampf, um seine als „Hexe“ angeklagte Mutter vor der Verurteilung zum Tod auf dem Scheiterhaufen zu retten.

Wer mehr von solch vorbildlichem Heldenmut  erfahren, ja lernen will, dem empfehle ich diese sehr beeindruckende Biografie eines Menschen, der zeit seines Erdenlebens unermüdlich nach Wahrheit und Erkenntnis suchte, forschte.       (GK)

„Sein Dasein war von unaufhörlichem Kampf begleitet – Kampf um den Lebensunterhalt, Kampf mit politischen Gewalten, Kampf um die Ermöglichung freier Forschung und vor allem für die Echtheit und Freiheit seines eigenen religiösen Bekenntnisses.“     (JH)

Wie sieht aktuell die Situation für Wahrheitssucher aus? Einem Freidenker in der Art von Johannes Kepler ergeht es in der heutigen ungeistigen Zeit nicht sehr viel anders als im finsteren Mittelalter; denn der Tod durch das Feuer ist durch modernere Formen abgelöst worden: unsachliche persönliche Angriffe, Tratsch und üble Nachrede, Spott, Verhöhnung und Verleumdung, die zum seelischen Rufmord führen sollen aller jener, die nicht den Ansichten der vorherrschenden  „wissenschaftlichen“, „religiösen“, „politischen“ oder „kulturellen“ Meinungen folgen.–

Bei seinem Forschen sieht Kepler sich in der Nachfolge des Pythagoras, der zwei Jahrtausende vor ihm tätig war.

Harmonie der Planetenumläufe  und deren mathematische Lösung ist für Kepler ein eindeutiger Hinweis für das Wirken Gottes; denn die Sternenwelt folgt Gesetzen, welche die Offenbarung eines harmonischen Ursprungs sind – und dieser ist Gottes, „mag die Welt der Menschen noch so disharmonisch verlaufen und fortgesetzt neue Disharmonien erzeugen.“

Kepler lernt und lehrt, im „Buch der Natur“ zu lesen, das Gott selbst geschrieben habe und in dem der Schöpferwille Gottes „wie die Sonne im Wasser oder im Spiegel“ erkannt werden könne.

Die Leser seines 1597 erschienenen Astronomie-Buchs erinnert er im Nachwort:

„Jetzt aber vergiss nicht den Zweck aller dieser Dinge, das ist die Erkenntnis, Bewunderung und Verehrung des allweisen Schöpfers.“

„Unsere Andacht dabei ist umso tiefer, je besser wir die Schöpfung und ihre Größe erkennen.“

Der wiedergefundene Freund

Uhlman, Fred

Originaltitel: Reunion (Erster Teil) und No coward soul is mine (Zweiter Teil)

Teil I beschreibt die Freundschaft zweier sechzehnjähriger Jungen, die sich für gleiches begeistern können. Erstmals haben sie in dem anderen einen Gleichaltrigen gefunden, mit dem sie alles besprechen können, dem sie alles anvertrauen können.

Der Autor versteht es, den Leser teilnehmen zu lassen an den Träumen und Idealen der Jugendlichen:

„In meiner Klasse gab es niemand, der meinem romantischen Freundschaftsideal entsprach, niemand, zu dem ich aufsehen konnte, für den ich hätte sterben mögen und der mein Verlangen nach völligem Vertrauen, nach Treue und Selbstaufopferung begreifen konnte.“

Dann kommt der neue Mitschüler Konradin Graf von Hohenfels und mit dieser gleichgesinnten Seele beginnt für Hans ein neuer Lebensabschnitt.

„Vordringlich schien es uns, aus unserem Leben das Beste zu machen, wesentlich war zu entdecken, welchen Sinn dieses Leben besaß – falls es überhaupt einen hatte –, und wie das menschliche Dasein sich in diesen erschreckenden, unermesslichen Kosmos einfügen ließ. Vor Fragen dieser wirklichen und ewigen Bedeutung verblasste die Existenz solcher vergänglichen und lächerlichen Figuren wie Hitler und Mussolini.“ –

Fast täglich diskutieren die beiden Sechszehnjährigen über die Kernfrage: „Wie sollte man das Leben gebrauchen? Für welchen Zweck? Für das eigene Wohl? Für das Wohl der Menschheit? Wie machte man das Beste aus dieser schwierigen Aufgabe?“

Hans‘ Vater beschäftigt sich auch mit Jesu Lehre und dem Glauben der Christen:

„Einmal hörte ich zufällig wie mein Vater zu meiner Mutter sagte, trotz des Mangels an zeitgenössischen Belegen glaube er, dass Jesus eine historische Figur gewesen sei, ein jüdischer Sittenlehrer von großer Weisheit und Güte, ein Prophet wie Jeremia oder Hesekiel. Aber er könne einfach nicht begreifen, dass man diesen Jesus als Gottes Sohn bezeichne. Es sei für ihn blasphemisch [gotteslästerlich] und abstoßend, sich einen allmächtigen Gott vorzustellen, der tatenlos zusehe, wie sein Sohn diesen bitteren, langsamen Tod am Kreuz erleide, einen göttlichen ‚Vater‘, der nicht einmal den Drang eines menschlichen Vaters verspüre, seinem Kind zu Hilfe zu eilen.“

Wie die meisten Juden verkennt Hans‘ Vater die durch die nationalsozialistische Partei aufkommende Gefahr und sagt, dass Hitler nicht sein Vertrauen in Deutschland erschüttere: „Glauben Sie wirklich, dass die Landsleute von Goethe und Schiller, Kant und Beethoven auf so einen Quatsch hereinfallen?“

Wird auch Konradin hereinfallen? Es kommt zur Bewährungsprobe für die Freundschaft mit seinem jüdisch-deutschen Freund Hans…

Teil II: Nachdem Teil I aus der Sicht von Hans geschildert ist, besteht der zweite Teil aus einem langen Brief Konradins an seinen Freund Hans. Es sind die noch fehlenden Teile des Zusammenlegspieles, welche der Leser im ersten Teil nur ahnen kann.

Teil II ist gröber geschrieben. Hat es damit zu tun, dass der Autor Fred Uhlman den zweiten Teil 14 Jahre später herausgegeben hat?
Die Worte, die er Konradin von Hohenfels in den Mund legt, sind nicht mehr die eines idealistischen Jugendlichen, sondern es sind Schilderungen eines desillusionierten erwachsenen jungen Mannes, dessen Hoffnungen und Träume ertötet worden sind, weil er den Worten und Täuschungen Hitlers auf den Leim ging.
Auch sein Verhältnis zu Frauen hat sich gewandelt. Er ist nicht mehr der Konradin, für den als Sechzehnjähriger „Mädchen höhere Wesen von märchenhafter Reinheit waren, denen man sich nur als Troubadour nähern durfte, mit ritterlicher Hingabe und in scheuer Anbetung.“

Wer mehr verstehen will über die geistig-seelischen Hintergründe, welche zur Katastrophe in Deutschland von 1933 bis 1945 geführt haben, dem sei dies Buch empfohlen, zeigt es doch, wie auch der hochangesehene jüdische Chefarzt die Situation 1932 falsch einschätzt und wie sogar Ideale suchende Menschen wie Konradin sich zunächst verführen lassen. Aber Konradin von Hohenfels gehört zu den wenigen, die ihre Leichtgläubigkeit, ihr Mitlaufen und Fehlgehen gutzumachen versuchen. Wie er das angeht, wird hier nicht verraten.

(GK)

Der spanische Rosenstock

Bergengruen, Werner

Durch eine jahrelange Trennung zweier junger Liebender wird deren Beziehung und Liebe nicht weniger, sondern erstarkt trotz mancher Widrigkeiten.

Diese Liebesgeschichte lässt sich fast in einem Zug lesen. Sehr schön und schlicht geschrieben. Zauberhaft!     (GK)

Eine edele Liebesgeschichte.     (RK)

Der Großinquisitor

Dostojevski, Fjodr

Was würde geschehen, wenn Jesus in der Neuzeit wieder zur Erde käme? In Dostojevskis kurzer Erzählung sind es erneut Diener der Kirche, die in Jesus einen Störenfried sehen, so wie Ihn bereits vor zweitausend Jahren der Hohepriester und die Pharisäer abgelehnt hatten. In visionärer Art beschreibt Dostojewski ein solches Geschehen:

Der Großinquisitor lässt Jesus in den Kerker werfen. Dort sucht Ihn der Kirchenfürst auf, redet pausenlos auf Ihn ein:

„Denn uns zu stören, bist du gekommen, das weißt du sehr gut.“

Im Verlaufe seines Monologes gibt der oberste Kirchendiener zu, wie die Kirche mit ihren Gläubigen umgeht:

„In deinem Namen, hör zu, werden wir sie sättigen, bedenkenlos werden wir lügen: In deinem Namen. … Wir aber werden vorgeben, wir seien Gehorchende, herrschend nur in deinem Namen.“

Er wirft Jesus vor, dass es falsch von ihm war, die Menschen innerlich frei machen zu wollen; denn

„Uns kam es zu, alle zu lehren, dass nicht die freie Entscheidung des Herzens wichtig ist und nicht die Liebe, sondern nur das Geheimnis, dem blind zu vertrauen ist – auch gegen das eigene Gewissen. So haben wir getan. Wir haben deine Tat verbessert.
… Wir werden sie überzeugen, dass sie frei nur dann sind, wenn sie sich lossagen von deiner Freiheit um unserer Freiheit willen und wenn sie tun, was wir ihnen sagen.
… Oh, wir werden erlauben zu sündigen; denn sie sind für Sünde anfällig und schwach.
Und sie werden uns lieben wie Kinder, dafür, dass wir ihnen die Sünde nicht übelnehmen.
Wir werden ihnen sagen, dass man sich loskaufen kann von der Sünde, von jeder, wenn sie nur mit unsrer Erlaubnis geschah.“

Und Jesus sagt kein Wort, schweigt wie er seinerzeit schwieg, als Ihn Menschen anklagten, schlugen und die Dornenkrone aufs Haupt setzen.
Schließlich spricht der Großinquisitor das Geheimnis aus, auf wessen Seite die Kirche steht, was sie so mächtig macht. Dieses Geheimnis soll dem Leser hier nicht vorweggenommen werden.

Es bleibt nicht allein bei der Demaskierung der Kirchendiener, sondern der aufmerksame Leser wird unausgesprochen vor Fragen gestellt wie:
Was würdest Du tun, wenn Christus heute in neuer Gestalt unter die Menschen träte oder ein von Ihm Gesandter?
Entscheidest Du Dich dann für die Befreiung Deiner Seele aus der irdischen Versunkenheit?
Oder gehst Du weiter den Weg des bequemen Dahinlebens und glaubst blind daran, Deine Sünden könnten Diener einer Kirche Dir vergeben?

(GK)

Dshamilja

Aitmatov, Tschingis

Lassen sich das Empfinden und die Gefühle der Liebe und des Verliebtseins mit Worten malen? Ja, der in Kirgisien aufgewachsene Tschingis Atimatov kann es, lässt seine Leser miterleben und fühlen, wie zwei junge Menschen ganz unterschiedlicher Wesensarten sich innerlich näherkommen: die ehrlich-direkte Dorfschönheit Dshamilja und der in sich gekehrte, ernst-verträumte Einzelgänger Danijar. Geschildert wird es aus der Sicht des fünfzehnjährigen Said, der sich zunächst wie die anderen Dorfbewohner über Danijar lustig macht. Bis er ihn eines Abends draußen in der Natur singen hört und erkennt:

„Das war ein Mensch, der eine tiefe Liebe in sich trug. Keine Liebe, das fühlte ich, wie man sie für einen anderen empfindet, sondern eine weit größere, die Liebe zum Leben, zur Erde. Ja, er verwahrte diese Liebe in sich, in seiner Musik, er lebte durch sie. … Wenn ich ihn singen hörte, dann hätte ich mich am liebsten zur Erde geworfen und sie wie ein dankbarer Sohn umarmt, allein schon dafür, dass ein Mensch sie so lieben konnte… ich wusste, dass er in seinem Herzen reicher war als wir.“

Eine schöne, edle Liebesgeschichte, in zarten, wehmütigen Tönen geschildert, ohne die Grenzen zur Sentimentalität zu überschreiten. 

(GP)

Die geheime Sprache der Vögel

Müller, Ralph

Ein mit viel Herz geschriebenes Sachbuch.

Ralph Müller lehrt nicht über Vögel, sondern hat von Vögeln gelernt. Einfühlsam beschreibt er, was der Vogel- und Naturfreund beachten muss, um ein guter Beobachter und Vogelkenner zu werden.

Kein Vogelbestimmungsbuch sondern eine Liebeserklärung an die Vögel mit vielen Hinweisen, wie der Leser sich der Vogelwelt nähern und öffnen kann.

Wärmstens zu empfehlen allen, die das wollen, was der Buch-Untertitel sagt:
Den Vögeln lauschen, sich berühren lassen, von ihnen lernen.

(GK)

Auge in Auge mit dem Vogelbuch-Autor Ralph Müller

Das Gold von Caxamalca

Wassermann, Jakob

Wie konnten wenige hundert gierig-listige Söldner hunderttausend harmloser Inkas unterwerfen? Der Leser erlebt, wie die „Wölfe“ mit den „Lämmern“ umgehen; er wird hineinversetzt in die Lage des gefangen gesetzten Inka-Fürsten Atahualpa, dem das alles unbegreiflich fremd ist, was General Pizarro und dessen Gefolgsleute wollen, denken, treiben.

Ohne Umschweife, spannend bis zur letzten Seite, beschreibt der Autor diese Episode unserer Menschheitsgeschichte. Damit verwoben ist die allmähliche Läuterung eines der goldgeilen Schlächter; denn durch das Vorbild der Inkas wird ihm die „Nichtigkeit allen Habens“ vor Augen geführt sowie „das, was der Mensch ist und was er versäumt zu sein.“

Ein allgemeinbildendes Büchlein, gleichermaßen anschaulich für Geschichts-, Religions-, Ethik-, Psychologie- und Deutsch-Studien.

(Pu)

Erschütternd beschreibt das Buch, wie die Verschiebung der Werte zum Absturz des Menschen führt. Auf der einen Seite die Spanier, welche nach irdischen Werten wie Machtgier, nach Geld, nach Ruhm streben und wie dabei die Würde des Menschen herabsinkt bis zum Unmenschen. Auf der anderen Seite der Inkahäuptling Atahualpa, der in seiner Würde auch als Gefangener immer als Sieger hervortritt. Es zeigt sehr deutlich auf, wie sich Tugenden durch die Verbindung zum Licht im Menschen so festwurzeln können, dass sie in schwierigsten Situationen Distanz zum Irdischen schaffen: Klarheit, Freiheit, Aufrichtigkeit, Würde, Hilfsbereitschaft, Mut, Anmut, Heldentum…

Nach wahren Begebenheiten geschildert. Eine Erzählung, die uns einen Spiegel vorhält zu sehen, wo wir stehen und wo wir hinkommen sollen, um selber frei zu werden…

(MH)

Das Mädchen vom Moorhof

Lagerlöf, Selma

Es gab und gibt sie noch: Menschen, die bei ihrem Tun und Lassen erst an den anderen und dessen Wohl denken.

Die Erzählung handelt von einem Mädchen mit unehelichem Kind, es geht um Liebe und Verzicht, Mut und Feigheit, Selbstlosigkeit und Gier.

Faszinierende Charaktere voller Leben zeichnet die schwedische Literatur-Nobelpreisträgerin. Ihr Büchlein möchte man am liebsten ohne Pausen weiterlesen, was bei nur 80 kurzen Seiten auch möglich ist.

(GP)

 

Die Möwe Jonathan

Bach, Richard

Originaltitel: Jonathan Livingston Seagull

Der Höhenflug ist erlernbar! Damit hat es Jonathan nicht leicht, denn „die meisten Möwen begnügen sich mit den einfachsten Grundbegriffen des Fliegens, sind zufrieden, von der Küste zum Futter und zurückzukommen … Jonathan aber war das Fressen unwichtig, er wollte fliegen, liebte es mehr als alles andere auf der Welt.

Diese Neigung machte ihn bei den übrigen Vögeln nicht gerade beliebt, das merkte er bald. Selbst seine Eltern waren unzufrieden …“-

Viele eindringliche Stellen hat dieses Buch. Und im gleichnamigen Film hat man die Meereswellen und den Vogelflug wunderschön aufgenommen.

Im Mittelteil gibt es einige verwirrende Sätze, die philosophisch-esoterisch sein sollen. Da gilt es zu prüfen, ob der Autor nicht „abhebt“. Dennoch im großen und ganzen: ein wohltuendes und anregendes Buch.

(Pu)

 

Der Mann der überlebte (George W. Carver, eine faszinierende Lebensgeschichte)

Elliott, Lawrence

Originaltitel: The Man Who Overcame

Auch beim wiederholten Lesen tauche ich so ergriffen wie beim ersten Mal in diese besondere Lebensgeschichte ein.

Wieviel Würde und wahres Menschentum dieser Mann doch bewies, und wie segensvoll er wirkte!

Ich schätze auch den fein geschliffenen Schreibstil des Autors (und die Leistung des Übersetzers). Die Schilderungen sind klar und von solchem Farbenreichtum, dass sie von der ersten bis zur letzten Zeile ein abgerundetes Lebensbild vor Augen stellen.     

(MW)

Die wahre Lebensgeschichte von einem, der es von Geburt an nicht leicht hatte: schwarze Hautfarbe, Sklave, kränkliche körperliche Gesundheit. Aber er übersteht und überwindet diese Hindernisse und wird schließlich ein berühmter Botaniker und Erfinder, wobei es ihm am Herzen lag, mit seinen Erfindungen anderen Menschen zu helfen.

                                                               (RK)

George Carver

Dem Rad in die Speichen fallen

Wind, Renate

Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer. Zwar ist er ein Mann der Kirche, dennoch bleibt er frei genug, um ein „religionsloses Christentum“ sich zu wünschen, denn „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben“.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Amtskollegen lehnt der Pfarrer Bonhoeffer den Treueid auf Adolf Hitler ab, stellt sich der Tyrannei der Nazis entgegen; er will „nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad in die Speichen fallen.“

Eine bewegende Biografie der Zivilcourage, weder als Roman noch als wissenschaftliche Abhandlung geschrieben, sondern sachlich und zugleich gepaart mit persönlicher Wärme.

(HW/GP)

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (1932)

Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

Goethe, Johann Wolfgang von

„Das Märchen“ von Goethe ist eine lehrreiche Geschichte über den zu hoch geachteten Wert des Materiellen, über Wesenhaftes, über die Eitelkeit, über den „Wettlauf“ mit der Zeit usw. in einer überaus schönen Sprache, dadurch geeignet, seinen deutschen Wortschatz zu erweitern, geistige Bilder und Symbole aufzunehmen (am Beispiel der „schönen Lilie“). Auch verhilft „Das Märchen“ dazu, sein Bewusstsein für Gefahren im Irdischen und im Inneren zu schärfen. Dies alles und noch viel mehr ist hier dramatisch erfahrbar, aber doch so sanft… in der wunderbaren Sprache Goethes. Es eröffnet sich für den Leser gleichsam eine innere Oper in Worten, faszinierend vom ersten bis zum letzten Wort in einem großen Spannungsbogen.
Die Quintessenz von Märchen, insbesondere diesem, sollte man freilich nicht mit dem Intellekt interpretieren, sondern den Glanz, das Licht, die Poesie intuitiv aufnehmen.

(SD)

Kennen Sie das, wunderschön zu träumen, ohne zu verstehen was Sie im Traume sehen? Aber Sie sind glücklich nach dem Traum, der bei allem scheinbaren Durcheinander dennoch Ordnung in sich trägt und ein gutes Ende hat.
So erging es mir beim Lesen dieses sonderbaren Märchens, worin der Alte zu der schönen Lilie spricht:

„Sei ruhig, schönstes Mädchen! Ob ich helfen kann, weiß ich nicht, ein Einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt. …
Der Alte sah nach den Sternen und fing darauf zu reden an: Wir sind zur glücklichen Stunde beisammen; jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht, und ein allgemeines Glück wird die einzelnen Schmerzen in sich auflösen …“

Und tatsächlich helfen sie alle einander: der Fährmann, die Schlange, der Riese, die schöne Lilie, der Alte mit der Lampe, sein altes Weib, der Jüngling, der Habicht und die zwei Irrlichter.

Ein Märchen, das den dafür offenen Leser erhellt. Ein Märchen, das man nicht versuchen sollte mit dem Intellekt zu verstehen oder zu „interpretieren“; denn dann verliert es seinen Zauber, seine Wärme.

(GK)

Johann Wolfgang von Goethe

Der Stern der Ungeborenen

Werfel, Franz

Eine Reise in die ferne Zukunft, um unsere Gegenwart besser zu begreifen mit dem gegenwärtigen Versagen der Menschheit auf fast allen Gebieten, um mögliche Auswege daraus zu erkennen. Wie können wir endlich Frieden und Harmonie mit unserer Mit- und Umwelt erreichen? Werfel erzählt in nobler Art in der Ich-Form und der Leser identifiziert sich schnell mit diesem zutiefst humanistischen „Ich“ aus der „Gegenwart“ der (das) ins Weltenjahr der Jungfrau im Jahre 100000 verschlagen wurde. Wie in einem Traum von einer idealen Menschheit, die endlich Frieden mit sich und allen erreicht hat. Doch stimmt diese Illusion? Detailliert wird das Treffen mit einer Familie aus dieser fernen Zukunft geschildert, wie man sich gesund hält, wie man reist, wie Kunst genießt, wie man die Umgangsformen verfeinert hat, wie man geistiger wurde…doch alles hat von Anfang an einen feinen Riss, ist offenbar auf „schiefem“ Boden aufgebaut. Man hat offenbar trotz allem tatsächlichen Fortschritt irgendwie die Bodenhaftung verloren. Dennoch oder gerade deshalb ist dieser Roman sehr lehrreich für uns heute und unsere gegenwärtige Entwicklung, die zur Katastrophe führen muss, wie es auch hier geschehen ist zwischen dem Jahr 1945 und dem Jahr 100000. Es geht aber vorwiegend um Kunst, Naturphilosophie, Religion, Dichtung, tiefsinniges Erleben, Mitgefühl und Bildung. Ein Zukunftsroman ohne Science Fiktion, also ohne das ganze Technikgerassel, das für gewöhnlich diese Gattung beherrscht… hier in Form eines Traums oder eines zukünftigen Lebens nach Wiederverkörperung… das bleibt offen. Der Mensch ist auch hier in Gefahr, ALLES zu verspielen, sein ganzes Sein. Interessant auch eine der wichtigsten Inschriften des Jahres 100000: »Das, was du bist, ist schon Lohn und Strafe für das, was du bist.« Mehr soll nicht verraten werden. Der Roman hat einen sehr angenehmen Spannungsbogen bis zur letzten Seite, ohne oberflächlich oder zu gewöhnlich zu werden. Ein paar kleine Abstriche muss man machen bei bestimmten überflüssigen Szenen und auch bei einigen eher unangenehm geistesakrobatisch anmutenden Vorkommnissen.
Es bleibt die ungestellte Frage an den Leser: Wie kann das Individuum, wie kann die Menschheit überhaupt innerlich und äußerlich überleben? …     (SD)

Inhalt und Stil sind weniger fürs Gemüt als für den Kopf. Werfel will den Leser zum Denken anregen, geht bei seinen Schilderungen oft in die Breite. Ihm macht es Spaß, seine Phantasien in viele Worte zu packen. Keine leichte Lektüre, ein dickes Buch, dem nicht viele, aber doch einige etwas abgewinnen werden.     (GK)

 

Höret die Stimme!

Werfel, Franz

Die Geschichte vom Ringen, Lieben, Leiden Jirmijahs, des Propheten Jeremias. Dabei bekam ich als Leser ständig den Eindruck, als sei der Autor selbst dabei gewesen vor 2.600 Jahren, als stecke er auch in der Seele seiner Roman-Hauptgestalt.

Präzise und bildhaft beschreibt Franz Werfel äußere und innere Geschehen: Jeremias wirkt als Berater für verschiedene Könige, als Erzieher der Kronprinzen, aber … in entscheidenden Momenten hören sie alle – und auch das Volk – nicht auf seine mahnende Stimme.

Die ersten drei Kapitel bilden die Rahmenhandlung in der heutigen Zeit – sie sind ein wenig mühsam zu lesen – bevor es dann ab Kapitel 4 bis 33 Schlag auf Schlag ins frühere Leben zurückgeht, wo der Leser hofft und leidet mit diesem furchtlosen Menschen, der stets nur helfen will.

Ein sprachgewaltiges, begeisterndes Werk für jene, die nicht nur Spannung wollen, sondern auch lernen wollen von den Stärken und Fehlern anderer, die allzu oft die eigenen waren oder noch sind.      (GP)