Jugend- und Erwachsenen-Bücher

Hintergrundbild
Nach Autor sortieren

Die drei Lichter der kleinen Veronika

Kyber, Manfred

„Die drei Lichter der kleinen Veronika“ hat mich schon als Kind sehr beeindruckt, als es mir meine Mutter vorlas. Es gehört für mich zu den starken Eindrücken meiner Kindheit.

Ein beeindruckendes Buch auch für Jugendliche und Erwachsene. Es kann dem Leser starke und wichtige Eindrücke geben.  Tiefsinnig, also anders als gewohnt werden hier Lebensläufe in ergreifender und natürlicher Weise geschildert, die auch über das irdische Leben hinausgehen.

Insbesondere das Leben und der Werdegang der kleinen Veronika bis zu ihrem frühen Hinübergehen, ebenso wie das Wirken ihres Mentors Johannes Wanderer in einfühlsamer und edler Weise „im Garten der Geister und im Haus der Schatten“, wie es im Buch bezeichnet wird.

Dennoch gleitet das Buch so gut wie nicht ab in mystische oder fantastische Bereiche; sondern bleibt meist klar und wirklich.

Es gibt meines Erachtens in diesem Buch nur wenige Kritikpunkte, die mir damals als Kind und später als Jugendlicher nicht so klar wurden oder auf Unverständnis stießen, die mir aber jetzt beim erneuten Lesen auffallen:

Im Klappentext des Buches wird angekündigt, dass es „mehr als nur ein esoterisch-fantastisches Märchen“ sei. Richtig, aber nur, wenn man die Schilderung des Wanderverkäufers Aron Mendel, der angeblich hier seine „Bürde“ für einen anderen Menschen trägt und auch die erzählte Begegnung Veronikas nach ihrem Ableben mit Jesus weglässt, also dann aus meiner Sicht nicht in eine ungünstige Richtung geht an einem Punkt, wo man schon weiter als sonst gekommen ist. Immerhin wird dann in dem Buch sogar erklärt, dass es gegen das Gesetz verstoße, die Schuld eines anderen Menschen auf sich zu nehmen. Der Leser möge sich auch fragen: Kann man Jesus im Jenseits treffen? Warum sollte Jesus jetzt in das irdische Leben eingreifen?

Es bedarf also eines wachen Geistes, einer regen Empfindung, wie auch bei anderen aufbauenden Büchern, Filmen und Erzählungen, um nicht nur aufzunehmen, sondern auch mit der eigenen Empfindung alles Gebotene stets abzuwägen.

Dann hat dieses Buch von Manfred Kyber überwiegend viele gute Seiten und ist geeignet, den Leser innerlich zu heben durch eine schöne edle Sprache und auch im Inhalt durch das Bemühen der handelnden Personen nach innerer seelischer Reifung, ohne zu schweben, also im praktischen irdischen Leben. Auch begegnen wir hier ganz zwanglos und natürlich dem Wirken der Tiere und des Elementaren, also den Naturwesen, die den meisten Menschen jetzt leider nicht mehr spürbar sind.

Das Büchlein ist zum ersten Mal erschienen im Jahre 1929, aber heute noch in Neuauflagen erhältlich und hat nur 170 Seiten, in der Form eines Bildungsromans, von dem auch noch viele heutige jüngere, aber auch ältere Menschen inneren Gewinn schöpfen können.

Es gehört zu den Büchern, die uns Mut und Kraft zu einem erfüllteren Leben geben können, besonders heutzutage in einer Zeit der Grobheit, Oberflächlichkeit, Äußerlichkeiten und der oft verrohten Nur-Gefühle. Die zweite Person der Handlung, Johannes Wanderer gerät dann auch in den Strudel von „romantischen“ Ereignissen und die Handlung droht dadurch abzugleiten.  Doch wird an diesem Punkte überzeugend aufgezeigt, wie hier stellvertretend für uns, Johannes Wanderer auch in solchen schwierigen Momenten seinen klaren Empfindungen folgen kann und somit sein inneres Ziel nicht verlieren muss.

S.D.

Wir sind ein Teil der Erde / Die Erde gehört uns nicht

Häuptling Seattle

Die Ansprache des Indianer-Häuptlings Seattle, der im neunzehnten Jahrhundert lebte, ist unter verschiedenen Titeln von mehreren Verlagen herausgegeben worden. Der Stammeshäuptling sprach vor einer Regierungskommission, die seinem Volk deren Land abkaufen wollte. Die berührende Botschaft in seiner Rede hat auch heutzutage nicht an Bedeutung eingebüßt.

Es muss am Rande gesagt werden, dass die Authentizität der Ansprache nicht durch Dokumente gesichert ist. Von diversen Quellen wird zwar von der Rede des Häuptlings berichtet, doch diese soll zunächst in der Lushootseed-Stammessprache gehalten, dann via Chinook ins Englische übersetzt worden sein. Die Worte, die Häuptling Seattle zugeschrieben werden, tragen unverkennbar den Stempel der Umweltbewegung, die in den 1970er-Jahren stark aufkam.

Obwohl wir nicht sicher sein können, dass Häuptling Seattle wortwörtlich so gesprochen hat, ist dies ein sehr wertvolles Buch, das Stoff zum Nachdenken und zu Gesprächen gibt, für jung und alt!

S.K.

Benjamin Franklin (Von einem, der auszog, die Welt zu verändern)

Demisch, Ernst-Christian

Benjamin Franklin (1706 – 1790) –  Wer kennt denn nicht seinen Namen, zumindest aus dem Geschichtsunterricht als Mitwirkender an der amerikanischen Verfassung und Erfinder des Blitzableiters? Doch so viel mehr fruchtbares Schaffen ist zu würdigen:

Er war Buchdrucker, Zeitungsverleger, Schriftsteller, Generalpostmeister, Akademiegründer, Stifter, Staatsmann, vielseitiger Erfinder, Reformer, Berater, Impulsgeber, Wohltäter …

Die meisten seiner Erfindungen, sozialen Einrichtungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse haben bis zum heutigen Tage Bestand.  Der weltoffene Lebenspraktiker wurde auch in Europa sehr verehrt.

Wie ist es möglich, dass dieser Mann, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, innerhalb einer Lebensspanne in so vielen verschiedenen Bereichen erfolgreich wirken konnte?   

Dieser Frage geht der Autor in der für jugendliche Leser spannend zusammengefassten Lebensgeschichte nach:

Anschaulich schildert er den Werdegang. Der wissensdurstige, wache Junge entwickelt sich nach den Begegnungen mit prägenden Vorbildern und Förderern zur eigenständig denkenden und handelnden Persönlichkeit.

Zeitlebens bemüht sich Benjamin Franklin um Selbstvervollkommnung. So stellt er sich schon in seiner Jugend die Aufgabe, schwächende Gewohnheiten abzulegen und sich 13 Tugenden anzueignen,  indem er sich ganz praktisch einen genauen Übungsplan ausarbeitet. Von Rückschlägen lässt er sich nicht entmutigen, er lernt aus den Erfahrungen und steht für die Folgen ein.

Dies gelingt umso besser mit einer warmherzigen, tüchtigen Frau an seiner Seite. Deborah schafft ein gemütliches Heim für die wachsende Familie und führt während der oft Jahre dauernden Reisen ihres Mannes umsichtig die Geschäfte weiter.

Die Kultivierung seiner Umgebung liegt Franklin besonders am Herzen.  Ein Freundeskreis bildet sich zum „Club des guten Willens“, in dem viele wertvolle Ideen geboren und umgesetzt werden.

Nützlich zu sein, sich für seine Mitmenschen einzusetzen, ihnen das Leben zu erleichtern und es zu bereichern, ist Franklins innerster Antrieb. Sein tiefer Glaube lässt ihn ohne Frömmelei dienen.

Ohne großes Aufsehen wirkte er einfach durch seine Lebenshaltung und durch vorbildliches Tun auf seine Umgebung und bemühte sich, möglichst aus dem Verborgenen heraus zu helfen. Selbstlos stellte er seine Fähigkeiten und Geistesgaben der Allgemeinheit zur Verfügung.

Dieser Einblick in das Lebenswerk eines vorbildlichen Menschen ist für jugendliche Leser gut geeignet. Die Gegebenheiten der damaligen Zeit werden einfach geschildert und die politischen Ereignisse zum Verständnis der Zusammenhänge kurz umrissen. 

Biografie / Sachbuch, ab 12 Jahren.

                                                                                                                                (MW)

Welche Gedankengänge Benjamin Franklin bereits als jungen Mann bewegten, zeigt der Text, den der Einundzwanzigjährige für seine eigene Grabinschrift vorbereitet hatte:

Hier ruht
der Leib des Benjamin Franklin, eines Druckers
gleich dem Einband eines alten Buches,
dessen Inhalt herausgerissen
und das seiner Beschriftung und Vergoldung beraubt wurde,
den Würmern zur Speise.
Doch das Werk wird nicht verloren sein,
denn es wird (wie er glaubte) noch einmal erscheinen,
in einer neuen und schöneren Ausgabe,
verbessert und ergänzt
vom Verfasser.

Krieg und Frieden

Tolstoi, Lew

Dieser historische Roman von Lew Tolstoi spielt von 1801 bis 1820, beschreibt aus der russischen Perspektive den Angriff von Napoleons Heer auf andere europäische Länder und insbesondere auf Russland.

Hauptpersonen sind vor allem adlige Familien, aber nebenher bekommen wir auch Einblicke in das Leben von leibeigenen Bauern, Hausangestellten, Soldaten und Kosaken.

Episoden aus dem Krieg und aus dem Gesellschaftsleben in Moskau und St. Petersburg wechseln sich ab, wobei es auch in der „Society“ Krieg und Frieden gibt; denn in den gesellschaftlichen Kreisen geht es wie beim Militär darum, strategische Entscheidungen zu treffen, nur befinden diese sich auf anderen Gebieten.

In beiden “Welten” gibt es Menschen, die ohne viel nachzudenken tun, was durch Brauch und Gepflogenheiten von ihnen verlangt wird.

Lichtblicke sind jene Menschen, die den Mut besitzen, von gebahnten Wegen abzuweichen oder  nach früheren falschen Entscheidungen umzukehren.

Männer besitzen eine viel größere Freiheit als die Frauen, aber wo bei einer ehelichen Verbindung keinerlei Berechnung, sondern gegenseitige Seelen-Liebe besteht, kann die Frau den Mann auf vielen Gebieten auf ein höheres Niveau heben.

Treffend ist die Darstellung Napoleons und des außerhalb Russlands nicht sehr bekannten russischen Generals Kutuzov. Tolstoi beschließt diese charakterliche Gegenüberstellung mit den Worten:

… es gibt keine Größe da, wo es keine Einfachheit, Güte und Wahrheit gibt!


Dem von vielen Menschen für „groß“ angesehenen Napoleon fehlt diese charakterliche Größe.—

Ein großartiger Epos, weit mehr als nur eine Erzählung von Geschehnissen.

Die Charaktere, wie Menschen sich verändern können (oder eben nicht) werden vortrefflich beschrieben. Wer dieses in vielerlei Hinsicht große Buch ganz gelesen hat, kann sich bereichert fühlen.

S.K.

Das Lied der Arve

Singrün-Zorn, Edda

Ich fand es schade, dass es so schnell zu Ende war. Von mir aus könnt‘ es drei Mal dicker sein. Und ich könnt‘ dreizehn solcher Bücher lesen.                                                                                     

(R.K.)

Ein Buch der leisen Töne für Leser und Hörer, die dafür Ohren haben. „Inwendige Ohren“ wie Ambrosius Schneehauser sie als Kind hat und als Erwachsener weiterhin. Das Holzbauernkind schnitzt mit sechs Jahren seine erste Flöte, entdeckt seine Liebe zur Musik und wünscht Geigen bauen zu lernen. Darin bringt Ambrosius es zum Meister, bereist zur Weiterbildung Italien, Frankreich, die Niederlande und Norddeutschland, bis er zum elterlichen Berghof zurückkehrt, um dort seine Werkstatt einzurichten.

Ein Buch bei dem allein gute Gedanken aufkommen, mit Feingefühl in einer einfachen, schönen Sprache geschrieben für reifere, zartbesaitete Leser. Drei Frauen hatten es mir empfohlen, daher wollte ich wissen, was so gut dran ist.

Von der Lebensweise des Kindes, Jünglings und Mannes konnte ich mir einiges abschauen: sein Verhältnis zur Natur, zu seinen Mitmenschen und zum Schöpfer. Er weiß von jung an, wem zu danken und vertraut mit seinen Eltern auf die Kraft der Gebete in allen Lebensbereichen. Dadurch finden seine große Liebe Amélie und er zueinander. Während seiner beruflichen Wanderschaft spielte Ambrosius allein für sich in den Dünen am Meer Geige, als Amélie mit ihren „inwendigen“ Ohren ihn hörte. Kurz sprachen sie miteinander, bevor sie für siebzehn Jahre durch Krieg und Schicksal auseinandergerissen und wieder zusammengeführt wurden: zwei reine Seelen!

(G.K.)

Selten so ein schönes Buch gelesen. So rein. Und so typisch Deutsch … (bin Niederländerin), unter anderem mit Gespür für Handwerk, Natur und Häuslichkeit. Es ergreift mich tief mit einer Wehmut nach verflogenen Zeiten. (Wie anders ist das Leben doch heute.)

(EvR)

Der große Fischer

Douglas, Lloyd C.

Original: The Big Fisherman

Der Roman versetzt uns in die Welt der Bibel, in die Zeit als Jesus auf Erden weilte. Hauptperson ist Simon, der Große Fischer, der später Petrus genannt wird. Wir folgen ihm in einer Zeit der Spannungen zwischen Juden, Arabern und Römern, bevor er einer der Jünger des Messias wurde, bis zu seinem Aufenthalt im Gefängnis in Rom und seinem Tod.

Wir sind Zeuge der arrangierten Heirat einer arabischen Prinzessin und einem jüdischen Prinzen, einer Ehe in der Absicht, diese zwei Völker zu vereinen und sehen an den Folgen das Scheitern dieser Pläne.

Das Zusammentreffen mit Jesus wird für Simon ein Höhepunkt, ein Wendepunkt.

Der amerikanische Autor vermittelt in diesem großartigen Roman ein fesselndes Bild, in dem er sich ziemlich genau an die Beschreibungen der Bibel orientiert. Die vielen Handlungsstränge sind erstaunlich gut zu einem Ganzen zusammengefügt. Kraft und Schwäche, Glaube und Zweifel in der Anfangszeit des Christentums werden aufgezeigt. Ein Roman, der uns auf fesselnde Weise mit den Wurzeln des christlichen Glaubens konfrontiert. Durch ein starkes Einfühlungsvermögen und verschiedene Studien ist der Autor imstande, manchmal auf  überraschende Weise teilweise schon bekannte Ereignisse zu beleuchten.

F.O.

Zeit zu hassen, Zeit zu lieben

Fährmann, Willi

Ein Jugendbuch, das auch Erwachsene packen kann. Realistisch und spannend beschrieben werden die Jahre im Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, als die Bevölkerung unter Arbeitslosigkeit und den hohen Reparationszahlungen an die Siegermächte stöhnt. Hinzu kommt Bürgerkrieg zwischen Anhängern verschiedener politischer Anschauungen; denn aus Partei- und Journalisten-Hetze folgen Hetzjagden und Straßenschlachten.

Der Leser erlebt durch die zwei Hauptpersonen, den 22-jährigen Schlosser Paul Bienmann und den 14-jahrigen Bruno, deren verzweifelte Suche nach Arbeit bzw. einer Lehrstelle.

Eine fast unvorstellbare Teuerungswelle macht es besonders für die „kleinen“ Leute schwer. Der Wochenlohn muss schnellstens für Lebensmittel oder „bleibende“ Werte ausgegeben werden; denn schon nach zwei oder drei Tagen verliert das in der Vorwoche verdiente Papiergeld mit aufgedruckten Millionenbeträgen den Großteil seiner Kaufkraft.

Vorurteile und Spannungen gibt es auch zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen sozialistischen und christlichen Gewerkschaften. Somit erinnert der Buchinhalt an unsere Gegenwart, an das heutige Gegeneinander von Muslimen, Christen, Juden, von Inländern und Zugereisten, von politisch links und rechts Stehenden, von Streikenden und Streikbrechern. Neid der Armen und die Arroganz der Reichen verschärfen die Situation.

Ab 14 Jahre

Pu

Die Leiden des jungen Werther

Goethe, Johann Wolfgang von

Selbst geschaffene Liebes-Leiden eines jungen Menschen beschreibt Goethe in seinem ersten Roman, womit der damals 25jährige in Deutschland und Europa berühmt wird.

Der junge Werther sieht (Char)Lotte erstmals beim Abendbrotbereiten für ihre Schwestern und Brüder. Deren Mutter ist vor Kurzem gestorben. Am Sterbebett hat Lotte versprochen, für ihre acht jüngeren Geschwister und den Vater zu sorgen.

Für Werther ist es Liebe auf den ersten Blick. Von Lottes Wesen und Äußerem entflammt er vollends, als er in den nächsten Wochen aus weiteren Gesprächen bemerkt, dass die beiden sich für Gleiches begeistern können.

Seine schwärmerisch-guten Empfindungen steigern sich bis die Verliebtheit den jungen Mann verzehrt. Erst ist ihm himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt, schließlich besessen von der fixen Idee: Ich kann nicht ohne sie leben …

Als er erfährt, dass sie ihren Verlobten Albert geheiratet hat, nährt er Gedanken, er könne Lotte besser verstehen als ihr Ehemann, stünde ihr seelisch näher, sei daher der Passendere für diese Frau.

Aus einer anfangs sauberen Zuneigung wird ein ungestümer „Sturm und Drang“, der zu einer unkontrollierten Begierde entartet, eigensüchtig, ohne Rücksicht auf Lotte und Albert.

Das junge Paar versucht dem Freund aus seiner „Depression“ zu helfen. Doch Werthers Verzückung der Gefühle, seine Fantasien mit ungezügelten Gedanken der Eifersucht und Leidenschaft schaffen Leiden, nicht allein für ihn, sondern auch für das Objekt seiner begehrenden Liebe.

Das Buch gilt als der erste deutschsprachige „Kultroman“, hatte auch in seinen englischen und französischen Übersetzungen großen Erfolg, fand aber auch vehemente Ablehnung durch viele Kritiker.

Vor zwei Jahrhunderten in einem Deutsch der Klassik geschrieben, sind die Gefühle und Gedanken von damals nicht anders als sie heute sein können.

Charlottes edles weibliches Wesen im Buch vor sich zu sehen, ist schön. Doch durch Goethes präzise Innenleben-Schilderungen eines schwärmerisch veranlagten jungen Mannes, der in seelische Trübsal und krankhafte Schwermut verfällt, ist es schwere Lese-Kost. Ob man diesen Roman gut für sich findet oder nicht, gleichgültig lässt er nicht; denn Goethe beschreibt eindringlich wie Empfindungen und Gedanken zu Worten und Taten werden, wie ein gut veranlagter Mensch sich durch eigensüchtige Verliebtheit hineinmanövriert in eine menschliche Katastrophe.

(G.K.)

Ben Hur

Wallace, Lewis

Das im 19. Jahrhundert nach der Bibel meistgedruckte Buch „Ben Hur“ wurde von 1907 bis 2016 sechs Mal verfilmt! Das Pferdegespann-Rennen, im 11fach-oscarprämierten Film von 1959 der Höhepunkt, ist im Buch nur einer von vielen Höhepunkten.

Seine Verfilmungen übertrifft dieser historische Roman vor allem an Tiefgang, wobei die Handlung erst ab dem zweiten Kapitel von Buchteil 2 in Fahrt kommt, dann steigern sich Tempo, Spannung bis zum achten und letzten Buchteil.

Dabei folgt der Leser der Entwicklung des Juden Ben Hur von seinem 17. bis 30. Lebensjahr. Auf Betreiben seines Jugendfreundes Messala, einem Römer, wird er unschuldig zu lebenslänglichem Rudern auf einer römischen Kriegsgaleere verurteilt. Während eines Seegefechts rettet er den Flotten-Kommandeur Quintus Arrius vor dem Ertrinken, wird von ihm adoptiert und kann in Rom eine Wagenlenker- und Krieger-Ausbildung bekommen, um dann als Erbe seines Adoptivvaters unermesslich reich zurückzukehren in sein Heimatland.

Heimlich gelingt es Ben Hur drei Legionen an jüdischen Männern zu sammeln; denn er plant einen Aufstand, um seine Heimat von der römischen Herrschaft loszulösen. Dabei erwarten diese Männer, Jesus würde sich von ihnen als König der Juden krönen lassen, um sie von der Geißel der Römer zu befreien.

Befreien will Jesus die Menschen, jedoch von ihrer trägen Gottabgewandtheit und Unsittlichkeit, von Neid und Hass auf Nebenmenschen, von Sich-etwas-Besseres-Dünken und Eitelkeit. Er will die Menschen wieder zu Gott führen, von dem sie sich entfremden ließen durch das Diktat der Priester und die Irrlehren der Schriftgelehrten.

Im Gegensatz zu den meisten Priestern schürt Jesus keinen Hass gegen die Römer. Er will nicht irdische Macht oder „König“ der Juden werden. Deshalb wenden sich Menschen und „Volksmeinung“ ab von Jesus, den sie zunächst mit jubelnden „Hosiannah“-Rufen in Jerusalem empfangen hatten. Sie fühlen sich in ihren selbstsüchtigen Wünschen enttäuscht und schreien: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“.

Da steht Ben Hur vor der Entscheidung seines Lebens, doch:

Kein Mensch kann voraussagen, was er tun würde, wenn plötzlich und unerwartet für ihn der Augenblick des Handelns kommt. Das Ereignis, auf das sich Ben Hur mehrere Jahre vorbereitet hatte, war plötzlich da. Der Mann, dessen Verteidigung er sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte, war in Todesgefahr – und er war untätig.

Als es darum geht, den gefangenen Jesus zu befreien, um ihn vor dem Tod am Kreuze zu retten, sind seine Männer nicht bereit, es zu tun; denn sie sind von Jesus enttäuscht. Von Ben Hurs drei galiläischen Legionen sind nur zwei der Hauptleute ihrer Sache treu geblieben, während alle anderen, tausende Männer überlaufen zu den Priestern, die Jesus hassen. So steht Ben Hur fast alleine da in seinem Wunsch, Jesus beizustehen, aber auch er fühlt sich zu schwach und beim Aufrichten der Hinrichtungskreuze kommt ihm zunächst der Gedanke:
„Es ist Gottes Wille, dass es geschehen muss“. Doch dann … hört er den ans Kreuz genagelten Jesus sagen:

Vater vergib ihnen; denn sie wissen nicht was sie tun!

Worte, die zweifeln lassen, dass es sich um ein von Gott geplantes Verbrechen am eigenen Sohn handelt. Balthasar, Ben Hurs geistiger Mentor, weiß das Ereignis der Ermordung am Kreuz richtig einzuordnen:

Welch schrecklicher, welch furchtbarer Tag ist heute für die Welt!

Jesu Wirken ist einer der drei Schwerpunkte in diesem Buch. Daneben Ben Hurs Kampf gegen Messala und die Römer. Außerdem die Frauen um Ben Hur, das sind seine Mutter, seine jüngere Schwester sowie zwei junge Frauen, die ihn stark anziehen:

Esther, „im Verborgenen blühend“, selbstlos, still und bescheiden, von kindlich-reiner, zarter Schönheit, im guten Sinne passiv.

Daneben Iras, eine außerordentlich attraktive Schönheit mit sehr selbstbewusstem Auftreten,  besonders intelligent. Mit ihrer Erscheinung weckt sie die Neu-Gier vieler Männer. Sie ist im unguten Sinn aktiv. Eine Frau, die ihr Netz spinnt, um den blind Verliebten für sich zu gewinnen.

„Iras besitzt große List, große Schönheit, aber sie hat kein Herz“ erkennt der lebenserfahrene Simonides, Ben Hurs väterlicher Freund und Vermögensverwalter. Gefragt, wie man Ben Hur vor dieser Frau warnen kann, antwortet er schlicht:

Ein Ertrinkender lässt sich retten, ein Verliebter niemals.

Für welche der Frauen wird Ben Hur sich entscheiden? Auch das wird im weiteren Verlauf des Buches realistisch beschrieben.—

Ich musste beim Lesen unterscheiden lernen, was den Naturgesetzen entsprechend möglich und was unmöglich ist: Also ein Ja zu Wunderheilungen. Aber wenn ein „Augenzeuge“ berichtet, dass aus Wasser Wein gemacht werden kann, dann ein Nein! Solcherart Überlieferungen wurden niedergeschrieben von solchen die etwas über Jesus gehört hatten von anderen, die es erzählt bekamen, von jemandem der es viele Jahre nach dem Geschehen gehört hatte.

Es sind nur sehr wenige falsche Überlieferungen, die Lew Wallace ungeprüft aus unsicheren Quellen übernommen hat. Dafür enthält „Ben Hur“ als Buch so viele sehr starke Seiten, dass ich es Lesern mit Unterscheidungsvermögen sehr empfehle.

(G. K.)

Stellt sehr anschaulich dar, wie alle Priesterklassen stets versagten aufgrund ihres überheblichen Besserwissens, infolgedessen es ihnen an Einfachheit und Klarheit mangelte, derer es bedarf, um jede Offenbarung von Wahrheit oder die Wahrheit selbst erkennen zu können. Sie sahen sich als oberste Instanz in allen religiösen Belangen, die allein befugt war, die „Wahrheit“ zu verwalten und auszulegen. So konnten sie, als die Wahrheit tatsächlich kam, in aller Einfachheit,  ̶  denn eben diese ist ihr Wesen  ̶  sie nicht erkennen aufgrund des Befangenseins in ihren komplizierten religiösen Anschauungen und Gebräuchen.

Klar zeigt die Schilderung wie ein Volk, gesegnet und auserwählt vom Allmächtigen, und dem Er Seine Gesetze durch hochberufene Propheten hatte offenbaren lassen, trotzdem von dem Dunkel verführt werden konnte durch den Intellektualismus seiner Priesterkaste.

Die verwendete Sprache fand ich sehr gut. Tiefgründig die Gegenüberstellung der Charaktere von Iras und Esther. Auch interessant die Nebeneinanderstellung von Balthasar und Iras: Der Eine geleitet zur Krippe zur Geburt Christi und wiederum geführt, um die Kreuzigung mitzuerleben  ̶  seine einzige Tochter jedoch gänzlich dem Dunkel zugewandt.

Sicherlich sehr empfehlenswert.

DR

Briefe und Aufzeichnungen

Scholl, Hans und Sophie

Herausgegeben von Inge Jens

Über die Geschwister Scholl, die im Alter von 24 und 21 enthauptet worden sind, habe ich einige Bücher gelesen. Den stärksten Eindruck hinterließen deren eigene Tagebuch-Aufzeichnungen sowie Briefe, welche die beiden im Alter ab 16/18 an Freunde, Freundinnen, Eltern, Geschwister schreiben.

Wir lesen, was sie freut oder worüber sie traurig sind, wovon sie träumen, was sie begeistert oder verabscheuen. Beständig auf der Suche nach Wahrheit, nach Gott.  Jugendlich frisch und mit melancholischem Sehnen, lebensbejahend.

Die Leser begleiten Hans beim Militärdienst und im Kriegslazarett, beim Medizinstudium und in seiner Freizeit mit Freunden.

Sophies Werdegang erleben wir während der Schule, in der Kindergärtnerin-Ausbildung, beim Arbeitsdienst und Universtitätsstudium. Beim Lesen ihrer Zeilen steht vor uns eine junge Frau, so lebendig, frisch, ehrlich. Ein Mensch, der lieben konnte: Freunde, Natur, Kunst, Arbeit. Ein Mensch, den manche Leser sehr lieb gewinnen werden.

Sophie weiß von ihren Unarten, aber ist bemüht, diese abzulegen. Ihrem Freund Fritz schreibt sie am 29.5.1940:

Denke nicht nur an mich, wie ich bin, sondern wie ich sein möchte.

Im Mädchenlager findet sie keine echte Freundin (27.4.1941 an ihre Freundin Lisa):

Der einzige, allerbeliebteste und häufigste Gesprächsstoff sind die Männer. Manchmal kotzt mich alles an.

Über ihren Heimweg von der Arbeit (6.11.1941 an ihren Kameraden Otl Aicher):

Jeden Abend und jeden Morgen mache ich einen großen Spaziergang, ganz allein zwischen den verschneiten  Feldern und Hügeln, die noch ganz in der Dämmerung liegen. Das ist schön und lässt keine schlechten Gedanken aufkommen.

Bei Ihrer Suche nach dem Weg zu Gott (10.11.1941, Tagebuch):

Als ich einmal so verzagt war, weil ich immer wieder zurückfiel, da wagte ich  es nicht mehr zu beten, ich nahm mir vor von Gott nichts mehr zu wollen, bis ich wieder eher bestehen konnte vor seinen Augen.

Und immer wieder der Bericht an die Freunde, was sie gerade liest, verbunden mit der Frage:

Was liest Du denn zur Zeit?

Nicht weniger aufrührend als seine Schwester schreibt Hans Scholl.

Durch diese Briefe und Aufzeichnungen ersteht ein viel tieferes Bild von Hans und Sophie Scholl: In erster Linie sind sie Menschen auf der Suche nach dem Wahren und Edlen, leben diese konsequent bis zum Äußersten, wofür sie sich dem in ihrem Heimatland regierenden Unrecht und Übel entgegenstellen.

(Pu)

 

 

Lichte Höhen

May, Karl

Haben Sie Karl May „Durch die Wüste“ begleitet oder sind mit ihm und Winnetou in Nordamerika unterwegs gewesen? Wer weiter mit diesem Schriftsteller aufwärts möchte, dem empfehle ich sein Alterswerk „Lichte Höhen“.

Auch wer noch nie ein Karl-May-Buch gelesen hat, wird in diesem Band manches Kleinod finden, unter anderem im ersten Kapitel, den „Himmelsgedanken“.

Über sein Ziel schreibt Karl May, der bis Ende der 1960er-Jahre der populärste deutschsprachige Jugendbuch-Autor war:

Alles was ich geschrieben habe und noch schreiben werde, ist meinem Idealgedanken gewidmet,
dass sich der Gewaltmensch in den Edelmenschen verwandeln müsse und dass dies nur auf dem Weg der Gottes- und Nächstenliebe, den Christus lehrte, geschehen könne.

Und alles, was ich geschrieben habe und noch schreiben werde, ist der anderen Aufgabe gewidmet,
nach dem Menschengeist und nach der Menschenseele zu forschen, deren Kenntnis uns im Laufe der Jahrtausende, wenn wir sie überhaupt besessen haben, wieder verloren gegangen ist.

Karl May ist Realist; denn er weiß von den Gefahren, wie Idealismus, Wissenschaft, Religion und Kunst missbraucht werden können:

Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zeichnet sich durch ein Sehnen und Drängen nach Veredelung aus … Wird dieses Sehnen nicht in die rechten Pfade geleitet, so gerät es leicht auf Abwege, die in die Irre führen.

Was sehen wir da? Die Wissenschaft trachtet nicht mehr zu Gott hin, sondern von Ihm weg.
Die Religion wird zum Dogmendienst oder gar zum irren Starrsinn.
Und der Kunst wird zugemutet, der Geldgier, der Vergnügungssucht und der Unsittlichkeit zu dienen…

Die Kunst zeigt uns mit Vorliebe das Böse, das Hässliche, das Gemeine und gibt zu ihrer Entschuldigung dann vor, dabei das Gute, das Schöne, das Erhabene zu wollen. Wenn sie das wirklich will, warum zeigt sie es nicht gleich? … Welche Mutter gibt ihrem Kind Galle, damit es sich nach Honig sehnen lerne?

(GK)

Das einfache Leben

Wiechert, Ernst

Suchen Sie ein Buch mit sehr vielen tiefgründigen Stellen? Es wird Sie nachdenklich und freudig stimmen durch die Charaktere, denen Sie begegnen: außergewöhnlichen Gestalten aus Ihrer Urgroßeltern-Generation, Menschen von der Art, die es heute bräuchte – neue Frauen, neue Männer braucht das Land! – für den Umschwung zu einem Leben mit der Natur und ihren Gesetzen, also für „Das einfache Leben“.–

Kapitän Thomas von Orla hält die Öde des leeren gesellschaftlichen Lebens nicht mehr aus, als ihm klar wird:

Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.

Er sucht nach einer sinnvollen Betätigung, die ihm Frohsinn und Frieden bringen kann, findet sie in der Abgeschiedenheit eines ostpreußischen Gutsbesitzes in einer Hütte am See, als Fischer und Waldhüter.

Das Buch hilft einzutauchen in eine Welt der Stille und der Naturschönheiten. Helden gibt es, sie sprechen nicht viel, tun Gutes, haben ein „großes Herz“.

Die Leser erleben, wie Orla und sein Freund Bildermann bestrebt sind, Marianne, Enkelin des Gutsbesitzers und dessen Erbin, zu schützen in ihrer Entwicklung als Kind, als junges Mädchen und als Frau.

Mehrere der beteiligten Personen tun einander das, was dem anderen hilft und nützt, ohne dafür etwas zu begehren; denn so einfach erklärt es Orla:

Die Liebe ist am reinsten, wenn
man nichts für sie haben will.

Manche Leser werden einige Zeit brauchen, um sich mit Sprache und Stil Wiecherts anzufreunden, an manchen Stellen gar das Lesen aufgeben wollen, wenn der Autor traumhaft sich ausdrückt. Doch die wenigen Worte-Nebel lichten sich schnell und man wird hineingezogen in das klare saubere Denken, das Tun und Lassen der Handelnden, deren vorbildliche Einstellung zu Umwelt und Mitmenschen. Eine Lebenseinstellung von höchster Aktualität für heutige Generationen, damit es eine fruchtbare Zukunft geben kann.

„Das einfache Leben“ ist kein leichtes Buch, dafür ein reichhaltiges. Wer die vielen Kleinode im Herzen sammelt, wird es nie bereuen, das Buch bis zum Ende gelesen zu haben.

Dabei begegnen Sie einigen Menschen, die alle etwas sehr Starkes und Reines vermitteln. Besonders ehren und lieben werden viele Leser Thomas von Orla sowie „das Kind“ Marianne, das „kleine Fräulein“ von Platen. Daher diese Warnung:

Beim Mit-Erleben der Handlung könnte es geschehen, dass der Leser in Marianne sich verliebt! Und die Leserin in Thomas von Orla!

(G.K.)

Unsere Idealvorstellung war – damals gab es ein Buch von Ernst Wiechert, „Das einfache Leben“; ich weiß, daß viele Leute damals ähnlich empfunden haben wie wir auch; dies wäre unser Ideal gewesen …

(Helmut Schmidt, Ex-Bundeskanzler, im Interview mit Günter Gaus)

Das Vermächtnis des Engels

Singrün-Zorn, Edda

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau.

Diesen Roman widmete die Autorin „all denen, die den Mut haben, gegen den Strom der Menge zu schwimmen.“ Auf poetische Weise verwob sie Lebensweisheiten zu einer anrührenden Geschichte im mittelalterlichen Rahmen:

Libussa wird als behütete Tochter eines Burgherrn geboren.  Die feinsinnige alte Amme weissagt einen bedeutsamen Lebensweg des Kindes. Schon früh lässt die Kleine einen ausgeprägten Eigenwillen und Wissensdrang erkennen, so erhält sie als Rüstzeug für ihre künftige Lebensaufgabe neben den üblichen weiblichen Fertigkeiten Unterricht im Lesen und Schreiben sowie Unterweisung in der Heilkunde.

Mit ihrer Freimütigkeit und ihrem unbeugsamen Gerechtigkeitsempfinden sorgt sie in ihrer Umgebung immer wieder für befremdetes Erstaunen, gewinnt aber auch Achtung und innige Zuneigung der Menschen. Sie zeigt, dass Wahrhaftigkeit und Wehrhaftigkeit Hand in Hand gehen.

All ihr Bestreben wurzelt in einem tiefen Glauben, den sie zeitlebens tatkräftig umsetzt zum Segen ihrer Mitmenschen. So vermag sie Enges zu weiten, Verhärtetes zu erweichen, Getrenntes zu verbinden.

Eine spannende Erzählung für jugendliche Leser – und für Erwachsene eine berührende Anregung zur selbstprüfenden Bestandsaufnahme: Wie tief gründen Vertrauen und Zuversicht? Was fehlt noch zu einer mutigen Lebenshaltung? Was alles könnte sich dadurch wandeln?

(MW)

 

 

Purpursegel (Das feuerrote Segel)

Grin, Alexander (Fährmann, Willi)

Original: Алые паруса

Die gutherzige Assol wird wegen ihres Vaters von den anderen Erwachsenen und Kindern ihres Dorfes ausgegrenzt und verhöhnt. Dieser Umstand und auch die armen materiellen Verhältnisse zu Hause hindern sie nicht, dennoch eine glückliche Kindheit zu haben.

Parallel dazu wird der Werdegang von Arthur Grey erzählt, aus sehr begütertem Hause, der von Kind an den Wunsch hat zur See zu fahren und es tatsächlich bereits als junger Mann zum Kapitän bringt.

Wie diese beiden jungen Menschen zueinander finden, wird berührend und fesselnd erzählt.

Das 1923 erschienene Buch gibt es in fünf deutschen Übersetzungen mit fünf verschiedenen Titeln: „Das Purpursegel“, „Rote Segel“, „Die purpurroten Segel“, „Das feuerrote Segel“ (nacherzählt von Will Fährmann) und „Purpursegel“.

Alexander Grin schreibt ohne Absätze, seine Wortwahl ist ungewöhnlich, gewöhnungsbedürftig, aber … schön. Wer sich müht, auf den eigenartigen Stil einlässt und sich hineinliest, dem wächst Seite um Seite die Freude an dieser Erzählung.

Für die jüngeren Generationen empfehle ich die leichter zu lesende und genau so schön nacherzählte Ausgabe von Willi Fährmann: „Das feuerrote Segel“.

(G. K.)

Auferstehung

Tolstoi, Lew

Original: Воскресение

Der junge Fürst Nechljudow soll als Geschworener über eine junge Frau urteilen, die er vor Gericht wiedererkennt: Katharina (Katjuschka) Maslowa, die er vor zehn Jahren als junges Mädchen verführt und kurze Zeit später mit Kind sitzen gelassen hat.

Nechljudow wird bewusst, wie sehr er mitverantwortlich dafür ist, dass die junge Frau auf die schiefe Bahn geraten ist und versucht nun alles in Bewegung zu setzen, um das wieder gutzumachen.

Faszinierend wie Tolstoi das Innere der Romangestalten seinen Lesern sichtbar werden und fühlbar lässt: wie die einzelnen denken, warum sie so oder anders handeln.

Das Buch bietet den Leserinnen und Lesern viele, viele Gelegenheiten sich selbst zu erkennen in guten wie schlechten Neigungen der darin beschriebenen Persönlichkeiten.

Ergreifend, wie unverdorbene Jugendliche schlechten Beispielen folgen, wie Fehlentscheidungen schlimme Folgen verursachen, wie jedoch durch die Macht der Liebe und des Geliebtwerdens es manchen gelingt, sich aus dem Sumpf herauszuarbeiten, in den sie sich hineingleiten ließen. Menschen können fallen, aber … auch wieder auferstehen. Von daher der Buchtitel.

Der Leser erlebt, wie die allermeisten Angehörigen aus der reichen Oberschicht (der Tolstoi entstammt) gleichgültig und oberflächlich bleiben für die auf ihren Gütern arbeitenden armen und großenteils abgestumpften Bauern. Daneben begegnet der Leser auch jungen Revolutionären, die das System verändern wollen, darunter gutwollenden Idealisten, aber auch ehrgeizigen, kaltherzigen Politikern.

Tolstoi geht es in seinem Werk unter anderem um ein Verwirklichen der Sätze aus Jesu Bergpredigt. Gleichzeitig stellt er sich gegen die Dogmen kirchlicher Würdenträger, was zur Folge hatte, dass er wegen seiner „Auferstehung“ aus der Kirche ausgeschlossen, exkommuniziert wurde.

(GP)

Der Tod des Iwan Iljitsch

Tolstoi, Lew

Original: Смерть Ивана Ильича

Auf dem Sterbebett bilanziert der 45-jährige erfolgreiche Karriere-Mann sein äußerlich wohlgeratenes Leben und fragt sich:

Wie, wenn mein ganzes Leben am Ende doch NICHT DAS gewesen ist, was es hätte sein sollen?

Wer diese kurze, unter die Haut gehende Tolstoi-Erzählung durchlebt, der wird nicht seine Einstellung zum Tod ändern, aber eine andere Einstellung zum Leben bekommen. Daher empfehle ich, das Buch eher schon in jüngeren Jahren zu lesen. Noch stärker wird dieses Lese-Erleben auf ältere Leser wirken; denn mit jedem Tag rückt die eigene Sterbestunde näher.

(GP)

In meiner Kindheit und Jugend hatte ich große Angst vor dem Tod – dieses Buch gab meinen Gedanken eine neue Richtung.
Lew Tolstoi hilft, wie unter einem Vergrößerungsglas, in der Menschenseele das echte Ewige zu sehen und vom oberflächlichen Verstandesmäßigen zu trennen.

(SI)

Tolstoi ist ein Meister im Beschreiben wie Menschen wirklich denken, aber anders reden.

Was mir fehlt in diesem Buch: Der Tod ist das Ende und kein Lichtblick, dass es danach in der jenseitigen Welt weitergeht.

(R.K.)

Stadt im Sturm

Beckman, Thea

Elisabeth, eine auffallend schöne Persönlichkeit, und ihre fünfzehnjährige Tochter Lina fliehen 1672 aus Augsburg, um der Folterung und Verbrennung als Hexen zu entgehen. Beide begeben sich auf die lange Reise in die Niederlande, wo es eine vom Kaiser und von deutschen Behörden anerkannte Hexenwaage gibt. Mit der Urkunde, dass Elisabeth keine Hexe sein kann, will sie zurück nach Bayern, aber hat wundgelaufene Füße, sitzt völlig entkräftet am Wegesrand. Da bietet der fünfzehnjährige Hans den beiden mittellosen Frauen für einige Tage Unterkunft im Hause seines Vaters in Utrecht an. Als Truppen des französischen Königs Ludwig XIV und des Bischofs von Münster in die Niederlande eindringen, wird es für die zwei Frauen unmöglich, das Land zu verlassen.

Für Hans weitet sich sein Horizont durch Gespräche mit der gleichaltrigen „Hexe“ Lina und durch die Begegnung mit dem zwanzigjährigen Joris, einer freiheitliebenden Frohnatur. Hans erkennt nach und nach, dass um frei und froh zu werden, es viel mehr braucht im Leben als Gebete murmeln und tüchtig arbeiten, um viel Geld zu verdienen.

Eindrucksvoll vermittelt werden die schwierigen Situationen während der Besatzung durch Soldaten und Söldner, Hans‘ wachsende Sympathie für Lina und sein Verliebtsein, schließlich die Wirbelsturm-Katastrophe, welche die Niederlande heimsucht.

Beim Kauf des Buches empfehle ich, nicht die kurze Inhaltsbeschreibung zu lesen, welche unnötigerweise etwas vorwegnimmt. Auch sind etliche Begriffe aus dem Niederländischen nicht klar genug für deutsche Muttersprachler verständlich. Insbesondere für Leser, die nichts von der niederländischen Geschichte wissen. Das kann der Verlag bei seiner nächsten Auflage verbessern durch ein voran- oder nachgestelltes Wörter- und Personenverzeichnis mit Erklärungen.

Dennoch liest das Buch sich im Großen und Ganzen gut. Die Leser erleben mit, wie der junge Hans sich immer wieder selbst in Frage stellt und dabei Selbsterkenntnisse gewinnt: dass sein Vater und er als Drucker Geld durch das Herstellen von Schmähschriften verdient haben, die voll von üblen Verdächtigungen, Verleumdungen und Rufuntergrabungen waren.

Auch prüft sich Hans, ob er und sein Vater die beiden gestrandeten Frauen im Haus aufgenommen hätten, wenn Elisabeth nicht eine solch außergewöhnliche Schönheit, sondern ein altes, gebrechliches Frauchen gewesen wäre. Die Antwort beschämt ihn.

Ab 12 Jahre, ein Jugendbuch auch für Erwachsene, mit starken Inhalten, spannend geschrieben.

(Pu)

 

Neues Menschentum

Kyber, Manfred

Manfred Kyber (1880-1933) faßte vor seinem frühen Tod in seinem letzten Werk „Neues Menschentum“ zusammen, was ihm in der Seele brannte.

Anfang der 1930er Jahre erfolgte dieser flammende Aufruf an die Menschheit, „deren Rettung er in der Wiedergewinnung eines verlorenen Menschentums sah und in der Rückkehr zur Pflicht der Menschlichkeit. Erfüllt von hohem ethischen Empfinden, beseelt davon, das Gute im Menschen erwachen zu lasssen und zu stärken, setzte er sich kämpferisch für ein geistiges und sittlich vertieftes Leben ein“, so beschreibt seine Tochter Leonie im Vorwort des Buches den Dichter und sein Anliegen.

Die Grundfehler des derzeitigen geistlosen Weltbildes und der Naturferne scharfsinnig aufdeckend, weist er auf Lösungen der Menschheitsfragen hin. So beleuchtet er die Volkskultur und -gesundheit, die Staatsführung, Rechtspflege, Religion, Wirtschaft, Technik, Architektur, das Schulwesen, das Handwerk, die Kunst, sowie seine besondere Herzensangelegenheit, den Tierschutz. Als roter Faden zieht sich durch alle Betrachtungen die unumgängliche Notwendigkeit eines Gesinnungswandels zum Edleren hin –  im Bewußtsein der Einheit von Diesseits und Jenseits.

Durchaus sachlich behält er dabei im Blick: „Das Ziel, das wir erstreben, ist ohne Übergang nicht zu erreichen. Eine Idee wird nicht dadurch zum Siege geführt, daß man sie vom hohen Katheder herab verkündet, sondern daß man sie allmählich im Stofflichen gestaltet.“

Bereits vor über 80 Jahren als Weckruf in zwölfter Stunde an die „Menschen der Weltwende“ gerichtet, wie sie Kyber nennt, sind sämtliche Ausführungen zu den Themen des Buches heute drängender denn je – im Großen wie im Kleinen.

Es liegt im Vermögen jedes Einzelnen, mitzuhelfen, das neue Menschentum nun tatsächlich im Stofflichen zu gestalten…

(MW)

Der Brief für den König

Dragt, Tonke

In der Nacht bevor der sechzehnjährige Tiuri den Ritterschlag erhalten soll, bittet ein Fremder ihn um Hilfe, in einer Angelegenheit um Leben oder Tod. Tiuri soll unauffällig eine geheime Botschaft dem König des Nachbarreiches überbringen.

Eine schwierige Aufgabe, denn auf dem Weg dorthin lauern feindliche Spione und Reiter, die das mit Habgier, List und Heimtücke verhindern wollen.

So wird Tiuris Reise zu einem heldenhaften Kampf mit mutigem  Durchhaltevermögen, in Ritterlichkeit, Hilfsbereitschaft und Treue .

Zwar erhalten der Jüngling Tiuri und sein vierzehnjähriger Freund Piak unterwegs auch Hilfe von edelgesinnten Rittern, Mönchen, Bauern, aber meistens sind die beiden Jungen allein auf sich gestellt, müssen klug, tapfer und selbstlos sich ihrer Haut wehren.

Die Autorin versteht es, die Spannung von der ersten bis zur letzten Seite zu halten. Leicht liest sich dieses Buch in seiner einfachen, schönen Sprache. Ein Lob den Übersetzern aus dem Niederländischen ins Deutsche.

Nicht allein geeignet für 12- bis 18-jährige Leser, sondern ein Buch für jedes Alter, weil es begeisternd geschrieben ist und gute Gedanken weckt.

 (Pu)

 

Als Frau hätte ich nie gedacht, dass ich ein Ritter-Buch so packend und gut finde, dass ich nicht aufhören wollte zu lesen.

 (R.K.)

 

Ich persönlich empfehle das Buch „Der Brief für den König“, da man von Anfang an merkt, wie Tiuri seine Pflicht ernst nimmt und ein großes Herz hat. Zum Beispiel mit dem Narr, mit dem Tiuri redet und ihm versichert, wieder zu kommen, um länger mit ihm zu reden. Außerdem kann zumindest ich als fast Gleichaltriger (15) mich mit Tiuri identifizieren, da er nie aufgibt und trotz der großen Aufgabe immer so nett bleibt, so dass er viele gute Freunde findet.

(J.M.)

 

Vor dem Ritterschlag durch ihren König hatten sich die angehenden Jung-Ritter in der Nacht zuvor schweigend vor dem Altar vorzubereiten auf das Gelübde, welches jeder Ritter sprechen und befolgen musste:

Ich gelobe,
Euch und all Euren Untertanen als Ritter treu zu dienen und jedem zu helfen, der meine Hilfe erfleht.

Ich gelobe,
mein Schwert nur für das Gute und gegen das Böse einzusetzen und all jene mit meinem Schild zu schützen, die schwächer sind als ich.

Die Verlobten

Manzoni, Alessandro

Originaltitel: I promessi sposi

Manzoni hat die Gabe, die innersten Bewegründe der Handelnden zu beschreiben, das Lichtwärtsstrebende und Gute wie das Abgrundtiefe und Böse, den Mut wie die Feigheit, das Selbstlose wie das Eigensüchtige. Helle, vorbildliche Gestalten und dunkle, unmenschliche finden sich in allen Ständen: beim gemeinen Volk, unter Adligen und  bei Dienern der Kirchen.

An einigen Stellen weicht der Erzähler über viele Seiten ab von seinen Hauptfiguren und fügt als „Geschichtsprofessor“ detaillierte Hintergründe zur damaligen Zeit: das Wüten des Dreißigjährigen Krieges, die Hungersnot oder wie und warum die Pest sich in Mailand so leicht verbreiten konnte.

Mich hat unter anderem beeindruckt wie das tyrannische Oberhaupt einer Verbrechertruppe (heutzutage würden wir sie Mafiosi nennen) nach einer von ihm befohlenen Entführung durch das Wesen und Verhalten der entführten jungen Frau innerlich so erschüttert wird, dass er sich zu einem Beschützer der Schwachen und Armen wandelt.

Und im Falle eines anderen Mädchens ist es schmerzlich mitzuerleben, wie Eltern durch Druck und unlautere Mittel dafür sorgen, dass ihre Tochter im Mädchenalter sich ‚freiwillig‘ entschließen muss, ins Kloster zu gehen, um Nonne zu werden.

Aufgrund der Schreibweise und Ausführlichkeit eher ein Buch für nicht mehr ganz so jugendliche Leser. An Aktualität gewinnt das Buch seit 2020 der Corona-Virus in einigen europäischen Ländern sich verbreitet und … jeden treffen kann.

(G. K.)

 „Manzoni hilft uns zu guten Gedanken… Er hat Sentiment, aber er ist ohne alle Sentimentalität. “  (Goethe)

Duette mit ihm

Röhl, Alexandra


Über die Freundschaft mit einem Rotkehlchen.

Insbesondere Vogelfreunde werden eine große Freude daran haben.

Es liest sich flüssig, ist in ein bis zwei Stunden gut und gerne gelesen.

Ab 12 Jahre.

(R. K.)

mutig, mutig

Pauli, Lorenz (Bilder von Kathrin Schärer)

Wozu es wirklich Mut braucht, wird so einfach erzählt mit einem unver-mut-eten Ende.

Der Text wirkt für sich, auch ohne die ulkigen Illustrationen aus außergewöhnlichen Blickwinkeln.

Angeboten wird es als Kinderbuch, doch noch mehr können Jugendliche und besonders Erwachsene von „mutig, mutig“ gewinnen.

(G.K.)

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Goethe, Johann Wolfgang von

Edelgesinnt und begeisterungsfähig ist er als Jüngling und bleibt es als junger Mann: Wilhelm Meister, beständig auf der Suche, bestrebt sich zu bilden und stets bereit, selbstlos anderen zu helfen, wo es Not tut.

Für seine innerliche Freiheit und Geistentwicklung gibt er ohne viel zu überlegen Altes auf und geht wagemutig Neues an. Dabei begeht er auch Fehler, muss schmerzlich Erfahrungen sammeln,  aber … er bleibt sich und seinem guten Wollen treu.

Bereits als Kind begeistert sich Wilhelm für das Schauspielen, schließt sich als junger Mann einer Theatergruppe an, wobei er erreicht, in Shakespeares „Hamlet“ die Hauptrolle zu spielen.

Unterhalten, aufklären und erheben“ versteht Goethe in bestem Sinne. Mitreißend lässt er die Leser verschiedene junge Frauen-Persönlichkeiten erleben, für die Wilhelm schwärmt oder denen er zugeneigt ist: Mariane, seine Jugendliebe. Philine, die hübsche Schauspielerin, welche ihn aufdringlich zu umgarnen versucht, die er aber nicht achten kann. Aurelie, auch Schauspielerin,  schätzt er, kann sie aber nicht von Herzen lieben. Und dann die junge schöne Gräfin, welche Wilhelm mit großer Sympathie begegnet und er ihr.–

Von Straßenräubern überfallen, kommt dem verletzten Wilhelm eine schöne „Amazone“ zu Hilfe, die nach ihrer Hilfeleistung spurlos verschwindet. Nach langem Sehnen und Suchen trifft er diese seine „Traumfrau“ wieder sowie deren Freundin Therese. Bei beiden Frauen verehrt er deren natürliche weibliche Würde. Beide Frauen teilen seine hohen Ideale und er die ihrigen.

Der Liebreiz und die außergewöhnliche Tatkraft dieser zwei jungen Frauen beflügeln Wilhelm; denn er sieht wie die Freundinnen vom Schönen, Edlen, Wahren nicht nur reden, sondern tagtäglich daran arbeiten, ihre Umgebungen in schönster Weise zu „erheben“, wobei sie sich auch für die Erziehung und Bildung von Mädchen und Jungen einsetzen.

Diese klaren, hellen Wesensarten von Therese und Nathalie (der schönen „Amazone“) sind es, die Wilhelm innerlich weiter und weiter hinanziehen. Gleichzeitig „bilden“ ihn die Gespräche mit dem französischen Abbé und der Aufenthalt im Schloss von Natalies Oheim weiter.

Die Handlung ist voller Ver- und Entwicklungen mit einem stetigen Sich-Wiederfinden von Personen, die gegenseitig noch etwas „abzulösen“ haben. Manches in der Erzählung klingt mir zu phantastisch, insbesondere Wilhelms geistige „Begleitung“ durch die „Turm“-Geheimgesellschaft.
Würde ich dieses Buch wieder lesen wollen? Oh ja, allein wegen der lebendigen Wesensschilderungen von edlen und geistreichen Menschen, was diese empfinden, wie sie denken und handeln.
Leser, die solche herausragenden Männer- und Frauen-Charaktere erleben mögen, werden Freude und Gewinn finden; denn das sind gemäß Goethe

„Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum Nachstreben.“

(G.K.)

Eine unbegabte Frau

Burgess, Alan

Originaltitel: The Small Woman
Dies ist die wahre Geschichte eines einfachen englischen Dienstmädchens namens Gladys Aylward (1902-1970). Diese ist erfüllt von der Idee, als Missionarin nach China zu gehen. Von der Londoner Missionsschule abgewiesen, weil sie „zu unbegabt“ sei, überwindet sie unüberwindbar scheinende Hindernisse, um sich ihren Traum dennoch zu erfüllen. Als sie sich endlich im Alter von 30 Jahren mit der Transsibirischen Eisenbahn alleine auf die weite Reise begeben kann, sind Russland und China miteinander im Krieg, was sie vor neue Herausforderungen stellt.
Letztlich gelangt sie in einen abgelegenen Bergort der Provinz Shanxi, wo sie bei einer alten britischen Missionarin als Gehilfin arbeiten kann.
Ganz allmählich lebt sie sich ein und beginnt die Chinesen mit ihren seltsamen Sitten nach und nach zu verstehen. Das anfängliche Misstrauen der Menschen schwindet, als sie sich mutig und vorbildlich in ihrer Menschlichkeit zeigt.
Nach dem Tod der Missionarin nimmt Gladys verwahrloste Kinder bei sich auf, schafft es, meuternde Gefängnisinsassen zu beschwichtigen und wird nach dem Einfall der Japaner in den blutigen Schrecken des Krieges zur Heldin und Trösterin der Verwundeten und Sterbenden.
Letztlich zur Flucht gezwungen, führt sie zugleich etwa hundert gefährdete Kinder alleine über die Berge und den Gelben Fluss in die Sicherheit eines Flüchtlingsheimes.
Durch die Strapazen und Verwundungen geschwächt, ringt Gladys lange mit dem Tod, bevor sie sich schließlich erholen und ihr Wirken fortsetzen kann.

(E.H.)

Onkel Toms Hütte

Beecher Stowe, Harriet

Originaltitel: Uncle Tom’s Cabin
Onkel Tom ist ein Sklave mit großem Gottvertrauen, der schwierigste Umstände meistert und auch anderen Trost und Stütze ist. Ich musste oft weinen beim Lesen. Danach möchte man eines: Sklavenhandel (den es auch heute noch gibt) soll sofort und für immer abgeschafft werden.
Sehr gute Charaktere werden neben den üblen geschildert.

(RK)

Am Jenseits

May, Karl

Neben dem Abenteuerlichen nimmt auch Übersinnliches einen bedeutenden Raum ein in dieser Erzählung Karl Mays, die sich mehr für die nicht ganz so jungen Leser eignet.

Die Handlung spielt in und um Mekka. Kara Ben Nemsi  (alias Old Shatterhand) rettet in der Wüste den blinden Münedschi vor dem Tode. Der Münedschi hat die Gabe des Hellhörens und Hellsehens, gibt kund, was der Jenseitige El Nûr berichtet über die „Brücke des Todes“, den „Ort der Sichtung“ und die „Waage der Gerechtigkeit“.

Ausführlich beschrieben wird, was die Seelen nach dem Tod und Verlassen ihrer Erdenkörper am „Ort der Sichtung“ erwartet. Dort sieht der Leser die Ankunft der „Frommen“, „Guten“, „Gerechten“, „Liebenden“, „Klugen“, „Reinen“, d.h. die sich dafür halten. Dieses Kapitel kann jedem Leser auch zur Selbsteinschätzung dienen: Was ist bei mir Schein und was echtes Sein?

Da der Ich-Erzähler für diese Kundgebung aus dem Jenseits eine Erklärung sucht, fällt ihm ein einstiges Gespräch mit seinem Blutsfreund Winnetou ein:

Winnetou, der nüchternste, der hell- und scharfdenkendste aller roten Männer, war gewiss kein Phantast, aber … fiel mir ein Abend ein, an welchem wir ganz allein hoch oben in der Einsamkeit des Flintpasses saßen, ernste Gedanken austauschend, und dabei auch das Übersinnliche berührend. Ich hatte das Gebet erwähnt; da sagte er:

»Du wirst dich wohl schon oft gewundert haben, dass ich in Gefahren etwas ganz Unerwartetes tat, was keinen Grund zu haben schien und uns doch errettete. Du schriebst es meiner Klugheit zu, aber ich handelte nur nach dem Willen derer, die du Schutzengel nennst. Vielleicht kommt die Zeit, dass ich dir mehr über sie sage. Jetzt muss ich selbst noch lernen und erfahren, denn es ist nicht leicht, sie zu verstehen, und sehr oft irre ich mich noch. Es könnte jeder Mensch empfinden, was der große Manitu ihm durch die Engel sagt, wenn er mehr auf sich und ihre Stimme achtete und sich befleißigte, sie nicht dadurch zu betrüben und von sich fortzustoßen, dass er Böses tut.«

Karl May beabsichtigte, als Fortsetzung zu „Am Jenseits“ noch den Band „Im Jenseits“ folgen zu lassen, aber er kam in seinem Erdenleben nicht mehr dazu.

(GK)

Brigitta

Stifter, Adalbert

Die Erzählung in Ichform schildert die Begegnung eines jungen deutschen Reisenden mit einem geheimnisumwitterten Major, den er auf dessen Schloss in Ungarn besucht. Als Freund des Hauses  nimmt er mehrere Monate lang regen Anteil an dem Alltagsleben und der Bewirtschaftung der ausgedehnten Güter und lernt die Menschen im Umkreis kennen. Nach und nach enthüllt sich ihm die Lebensgeschichte des Majors, die eng mit derjenigen seiner Nachbarin Brigitta verknüpft ist. Über lange Jahre verbindet die beiden eine tiefe Zuneigung und fruchtbares Zusammenwirken.

Mit zarter Feder zeichnet Stifter in der ihm eigentümlichen Weise ein feines Seelenbild der in Leid gereiften Menschen: ihre Stärke, die Würde edlen Stolzes, Güte und Aufrichtigkeit.

(MW)

 

Eine Erzählung von Freundschaft der schönsten Art, von Aufrichtigkeit und gleichem Streben zweier Menschen.

Die Frau mit außergewöhnlich tiefem und schönem Augenausdruck, aber äußerlich nicht hübsch, wird umworben von einem sehr umschwärmten, auch körperlich schönen Mann.

Diese zwei schönen Seelen, Brigitta und „der Major“, zeichnet Stifter auf behutsame, leise, ruhige Weise.

Die Vornehmheit der beiden, deren tiefes einander Geneigtsein und eine dazu passende edle, gemütvolle Sprache, bewegten mich auch beim fünften Lesen bzw. Hören, werden es zukünftig wieder tun.

Sehr empfehlenswert auch als Hörbuch; denn Christian Brückner als Sprecher findet bei „Brigitta“ den richtigen Ton.

(G.K.)

Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft

Abd-ru-shin

Originalsprache: deutsch

Mich hat die durchgehende und stets leicht begreifliche Logik überzeugt, mit welcher der Autor alles naturgesetzmäßig erklärt.

Als Physiker versuche ich mir ein schlüssiges Weltbild zu erarbeiten. Als Hilfe hierbei schildert das Buch „Im Lichte der Wahrheit“ alle Vorgänge im Diesseits und im Jenseits im Zusammenhang und zeigt auf, wie eine einheitliche Gesetzmäßigkeit und Logik alles durchdringt und dadurch begreifbar macht. Somit bleibt kein Raum für esoterische Spekulationen. Mystik wird unnötig. Der Leser der Gralsbotschaft sieht die Schöpfung klar vor sich und vom Lichte einfacher Prinzipien durchstrahlt.

Angeregt von der Gralsbotschaft möchte man dann auch im Sinne der alles fördernden Gesetzmäßigkeit handeln.

(S.D.)

Erfrischend! Belebend! Überzeugend!

(R.K.)

Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er sprach gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.“ So berichteten Zeitgenossen über die Wirkung der Worte Jesu. Und so ähnlich ergeht es manchen Lesern Abd-ru-shins. Ich jedenfalls war begeistert, als ich im Alter von sechzehn Jahren begann, den Band I seines Werkes „Im Lichte der Wahrheit“ zu lesen. Später folgten die Bände II und III.

Wer sich fragt, ob dieses Buch auch ihm etwas bringen wird, findet im Geleitwort zur Gralsbotschaft diese Worte Abd-ru-shins:

Ich spreche nur zu denen, welche ernsthaft suchen. Sie müssen fähig und gewillt sein, sachlich dieses Sachliche zu prüfen!

Um dieses Sachliche zu verstehen, braucht kein Leser „gelehrt“ oder „studiert“ zu sein; denn Abd-ru-shin erklärt aus dem Leben heraus die Welt mit allen Wegen und Abwegen.

Wie sollen wir aus dem menschengemachten Irrgarten und weltweiten Schlammassel einen Weg zum eigenen Aufstieg finden? Dazu benötigt der Suchende eine Landkarte, die zeigt wohin jeder der zur Auswahl stehenden Wege letzten Endes führt. Eine alle Wege aufzeigende „Landkarte“ ist für mich die Gralsbotschaft, weil deren Inhalte helfen, auch die in uns schlummernden Fähigkeiten für das Gehen des eigenen Weges zu nutzen.—

Sehr edel und außergewöhnlich kraftvoll ist die Sprache Abd-ru-shins, der sich klar und wo nötig scharf ausdrückt.

Ein Blick in die Inhaltsübersicht zeigt, dass jeder Suchende seine Themen behandelt finden wird.

Wer nach reinerem, wahrem Menschsein sich sehnt und wie ein Kind offen für Neues sein kann, wird unermesslich viel Nützliches und Beglückendes finden, allein schon im ersten Band von „Im Lichte der Wahrheit“.

(GP)

Die zehn Gebote Gottes

Abd-ru-shin

Wie soll ein Kind seinen Vater und seine Mutter ehren, wenn ein Elternteil oder beide sich nicht würdig und ehrbar zeigen?  Aus diesem Buch habe ich gelernt, dass dieses „DU SOLLST VATER UND MUTTER EHREN!“ einen umfassenderen Sinn hat:

„Du sollst Vater(schaft) und Mutter(schaft) ehren“ richtet sich in erster Linie an die Eltern, die das Mutter-Sein und Vater-Sein ernst nehmen sollen, also ehren! –

Mit dem Gebot „DU SOLLST NICHT TÖTEN!“ ist nicht allein körperlicher Mord gemeint, sondern das Gebot warnt auch vor dem Er-töten, also davor bei anderen Freude und Hoffnungen zu er-töten. Auch den Ruf eines anderen Menschen kann ich töten: Ruf-Mord!

Jedes der zehn Gebote erläutert Abd-ru-shin in einem weitumfassenden Sinn und bringt dabei Klarheit anstelle von einengenden Interpretationen.

Das kurz gehaltene Buch beinhaltet sehr viel für jeden dem es ein Anliegen ist, bei sich selbst mit der „Besserung der Welt“ zu beginnen. Weil es schlicht und verständlich geschrieben ist, eignet es sich unter anderem auch für Ethik- und Religionsunterricht an Schulen.

Mir als katholisch Getauften und in den evangelischen Religionsunterricht Gegangenen hat das Büchlein viel neues Wissen und erweitertes Verstehen gebracht.

Auch solche Leser, die mit Religion nur wenig anfangen können, werden in diesem Werk Horizonterweiterung und Geisteswerte für ihren Alltag finden, sobald sie … ideelle Werte suchen.

Ab 12 Jahren

(GP)

 

Mit den klaren und bereichernden Deutungen der Gebote erlebe ich diese nicht mehr als einschränkende Verbote, sondern als sehr gutgemeinte Ratschläge für meinen Weg.

(F.J.)

 

Die Zehn Gebote dürften den meisten bekannt, vielleicht sogar auch vertraut sein. Dennoch ist es wohl angeraten, sich ab und an wieder einmal eingehender mit ihnen zu beschäftigen, damit sie nicht zur „selbstverständlichen Alltäglichkeit“ herabsinken! Oder gar in Vergessenheit geraten.

(MJE)

Buddha – Leben und Wirken des Wegbereiters in Indien

Mit dreizehn Jahren las ich zum ersten Mal vom abenteuerlichen Leben Siddharta Gautamas, der als junger Mann unerwartet alles verliert: Frau und Kinder sowie irdische Macht, Reichtum. Auch seine Heimat muss er verlassen.

Durch den Kontakt mit einem Schlangenbeschwörer erwacht in Siddharta die Gabe, mit Tieren und später auch mit Naturwesen zu kommunizieren.

Siddhartas weiterer Weg führt den jungen Erwachsenen in die Schule der weisen Brahmanen, wo Unterweisungen, gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche, Spiele und Körperertüchtigung sowie Gebet und Verinnerlichung zum Schulprogramm gehören:

„Ein froher, frischer Ton schwang durch das Ganze.
… Trotz aller Fröhlichkeit konnte man keinen Augenblick vergessen, dass man hier lebte, um den Weg zu finden, den die Seele zu gehen hatte. Jeder musste seinen eigenen Weg ausfindig machen, durfte nicht ruhen, bis er ihn klar zu erkennen vermeinte.“

Ich lese Jahre später wieder dieses Buch über den „Wegbereiter in Indien“, entdecke nun mehr die geistigen Dimensionen dieses Buches, verfolge als Leser wie Siddharta und seine Helfer Schulen und Klöster gründen.—

Im Vorwort des Verlages wird erklärt, dass die Schilderung empfangen sei, nicht erdacht. Daher wird kein Autorenname genannt; denn der Seher fasste das in Worte, was  ihm an Bildern gezeigt wurde. Bilder von Geschehenem, das unverwischbar im „Buch des Lebens“ bewahrt blieb.

Sehr anschaulich, in einer schönen Sprache geschrieben, ist es ein Buch, das unvoreingenommenen Lesern viel Neues erschließen kann. Für solche uneingeschränkt empfehlenswert.

Muno, ein „falscher Prophet“, eingebildet auf sein Wissen, versucht bei einer öffentlichen Rede des Meisters Gautama diesen vor den Zuhörern bloßzustellen und zu verunsichern durch die Frage:

„So sage mir, Du Weiser, was ist die Seele?”

Die Antwort hat mich sehr getroffen, weil sie so sehr zu uns heutigen Menschen passt:

Die Seele, Muno, ist das, was in Dir Tag und Nacht weint, weil Du es verhungern lässt, weil Du es misshandelst. Die Seele ist das Beste in uns, das von oben stammt und nicht ruht, als bis wir es wieder nach oben tragen. Tun wir dies aber nicht, so weint die Seele, wie die Deine.”

Ab 12 Jahren.

(GP)

In vielen bewegenden Schilderungen wird sichtbar, wie gute Menschen sich zu Vorbildern entwickeln, die ihrer damaligen und auch unserer heutigen Welt den Weg weisen zu Licht und Wahrheit.

                                                                                                               (MJE)

Fürst Siddharta, in Luxus lebend, ist nicht schlecht zu nennen, nur „sorglos“. Von seinen Feinden wird er vom Thron gestoßen, verliert Heimatland und Familie, muss bis zur niedrigsten Kaste hinabsteigen. Langsam doch sicher steigt er durch verschiedene Kasten. Er wandert über die staubigen Straßen und Nebenwege Indiens, lernt allmählich Demut und mittels einer liebevollen, aber strengen Führung von höherer Hand wird ihm Schritt für Schritt wie einem Kind geholfen, um geistige Erkenntnisse zu gewinnen, die weiterführen zu  Erleuchtung und Erkennen des Höchsten, des Herrn aller Welten.

Diese Erleuchtung findet er, indem ihm eine höhere Erkenntnis gewährt wird während er unter dem Bodhi-Baum sitzt. Dort erlebt er in einem Moment innerer Stille und Aufnahmebereitschaft seine erste Vision.

Weitere Visionen sollen folgen; er lernt, auf seine innere Stimme zu hören und ihr zu folgen.

Er gründet ein Kloster, dem später viele andere folgen werden. Die dort leben und lernen wollen, um später hinauszugehen in die Welt, sollen zunächst erreichen, wie man diese Lehren umsetzt in rechte Taten, in freudiger Aktivität für das tägliche Leben.

Als in der von ihm gegründeten Siedlung die erste Schule dem Herrn aller Welten geweiht wird, gibt er seinen Schülern bekannt, was ihm eingegeben wurde als „der Weg zur völligen Umwandlung des Menschen“, welcher aus acht Abschnitten besteht:

  • Rechter Glaube
  • Entschluss
  • Das Wort. Der Ewige will keine geschwätzigen Diener haben. … Lüget nicht!
  • Die Tat.
  • Leben: … Leben heißt nicht, wie Tier oder Pflanze den natürlichen Bedürfnissen nachkommen. Es heißt, sich regen und bewegen, zeigen, dass man lebendig ist.
  • Streben. Haben wir aber erreicht, daß unser ganzes Leben ein Streben in der rechten Weise ist, so wird es zum
  • Dank gegen Den, Der es gegeben.      
    Der letzte Abschnitt öffnet sich nur denen, die alle anderen getreu durchschritten, durchlebt haben. Er heißt:
  • Sich-Versenken.

Weiter erklärt er:

„… was Ihr in einem Abschnitt erworben, muss Euch so zu eigen geworden sein, daß es Euch in die folgenden begleitet als Euer unveräußerliches Eigentum!“

Somit schließen die Stufen sich nicht gegenseitig aus, sondern eine jede wächst aus der vorangegangenen hervor, in welcher wiederum die vorherigen beinhaltet sind.

Nach vielen Jahren wird Siddharta wieder mit seiner Familie zusammengeführt. Seine Lehre hat sich stark über das Land mit den weiten Flussebenen von Ganges und Indus bis zum Himalaya verbreitet, sie belebt, erneuert und hebt das indische Volk in seiner geistigen Entwicklung und seinen Sitten. Bei seinem Hinübergehen gewinnt er weitere Erleuchtung und erhält den Beinamen BUDDHA: derjenige, der erwacht ist – der voll bewusst und erwacht hinübergegangen ist, sein Wirken ohne Übergang fortsetzt auf der Ebene, auf der er erwacht.

Nachfolger in der geistigen Führung wird sein Enkel Gautama, der sich als noch weiter fortgeschritten erweist als sein Großvater und die Arbeit seines Großvaters fortsetzt.

Die Lehren der Buddhas bringen großen Segen für Indien. Gautama wird bei seinem Tod ebenfalls BUDDHA genannt.

Die beiden Persönlichkeiten wurden in der Überlieferung verwechselt und zu einer einzigen verschmolzen, obwohl es sich um zwei unterschiedliche Personen handelte. Der Kern ihrer Lehre und Offenbarung, verankert in der Schlichtheit reiner Wahrheit, ist durch viele menschliche Veränderungen und Verbiegungen gegangen. Heute ist die Lehre nicht mehr so ​​strahlend und klar und einfach wie sie einst war in ihrer kindlichen Klarheit.

DR

Die weiße Rose

Scholl, Inge

Sehr bewegend ist die Jugendzeit für die Geschwister Scholl und ihre gleichaltrigen Kameraden: Wandern, zelten, Tiere beobachten, Schitouren, singen und musizieren, lachen und zu Späßen aufgelegt sein. Sie begeistern sich für gute Bücher, Theateraufführungen, Konzerte, Filme, Malerei und die Naturschönheiten ihrer Heimat.
Wie gerne wäre ich nicht nur als Leser dabei gewesen, sondern selber befreundet mit solchen frohen, ernsten und ernstzunehmenden jungen Menschen.
Als es gilt für Geistesfreiheit und wahres, edles Menschentum einzustehen, stellen etliche der Freunde und Gleichgesinnten sich dem verbrecherischen Ungeist der „Partei“-Herrschaft mit Flugblättern entgegen. Konsequent leben die Freunde ihre Ideale und ihre gewonnene Überzeugung bis … zu ihrer Hinrichtung als Widerstandskämpfer.
Einfühlsam zeichnet Inge Scholl das Bild ihrer Jugendzeit mit ihren jüngeren Geschwistern Sophie und Hans. Der Leser versteht, was diese 15- bis 25-Jährigen äußerlich und innerlich bewegt, was sie freut und was sie traurig macht.

(Pu)

Ferien vom Ach

Foerster, Karl

Wie der Titel bereits anklingen läßt, soll dieses Büchlein den auf das „Ach und Weh“ der Erdenschwere gesenkten Blick des Lesers auf die kleinen und großen Wunder des Lebens lenken.

In der ihm eigenen Sprachgestaltung fängt der namhafte Gartengestalter und Züchter winterharter Blütenpflanzen Karl Foerster (1874 – 1970) den Zauber des Augenblicks ein, sowohl in farbenprächtigen Naturschilderungen als auch in feingezeichneten Portraits. Frohen Jugenderinnerungen folgt eine Sammlung  tiefsinniger Erkenntnisse aus Erfahrungen eines langen, erfüllten Lebens. Bunte Wortgirlanden schmücken Reiseerlebnisse und Heimatschätze.

Dazwischen weisen freundliche Zurufe dem Aufhorchenden hellere Wege. Denn, so sieht es Karl Foerster,

„es wäre doch auch widersinnig, sich endlos um schönere Gärten und Blumen zu mühen, wenn damit nicht auch wirksam auf ein höheres Blühen in der geistigen Welt hingearbeitet würde.“

Ein Kleinod für alle Stimmungslagen, in dem ich immer wieder mit Freude lese.

(MW)

Marie des Brebis (Der reiche Klang des einfachen Lebens)

Signol, Christian

Christian Signol schildert eindrucksvoll die Lebensgeschichte der betagten Marie Bonneval, der „Schafsmarie“.
Anfang des letzten Jahrhunderts im Südwesten Frankreichs geboren, durchlebt sie die Bedrängnisse zweier Weltkriege, verliert geliebte Menschen und schließlich auch ihr vertrautes Zuhause. Voller Gottvertrauen und Bescheidenheit meistert sie die tragischen Ereignisse ihres Schicksals.

Doch im Rückblick in Dankbarkeit überwiegen die glücklichen Erinnerungen – „der reiche Klang des einfachen Lebens“:

Ein alter Schafhirte nimmt das Findelkind fürsorglich in seine Obhut, um es vor dem Waisenhaus zu bewahren. Zeitlebens fühlt sich Marie bei den Schafen wohl und wächst naturverbunden auf im Rhythmus der Jahreszeiten. Die kalten Monate verbringen die beiden auf dem Hof eines warmherzigen kinderlosen Weinbauernpaares, die die Kleine als Geschenk des Himmels betrachten und adoptieren. Sie ermöglichen ihr eine Schulbildung.

Mit der Ankunft eines Gehilfen für die Hofarbeit nimmt das Schicksal Maries eine weitere Wendung. Eine zarte Liebe keimt auf, und nach Ende des ersten Weltkriegs heiraten die beiden.

In Vertrauen, mit Lebensfreude und Fleiß schaffen sie sich ein Heim und führen ein glückliches Familienleben mit drei Kindern. Ein Unfall bringt Maries Gabe des Heilens zutage. Fortan wirkt sie segensreich unter der armen Landbevölkerung.

Als ihre erwachsenen Kinder bereits eigene Wege gehen, lernt sie endlich ihre Mutter und deren Lebensgeschichte kennen. An deren Sterbebett finden sie in Liebe und Frieden zu einander.

Und immer ist es die Liebe, die sie leitet, sie das Glück tief empfinden läßt und durch alles Schwere trägt.

In diesem berührenden Buch sind die sonnige Landschaft des Quercy, die miteinander verwobenen Schicksale der Menschen und die persönlichen Erinnerungen Maries so lebendig geschildert, daß sie nicht nur vor dem inneren Auge stehen, sondern geradezu greifbar miterlebt und nachempfunden werden können.

(MW)

Der erste Lehrer

Aitmatov, Tschingis

Original:  Первый учитель

Kirgisien (Sowjetunion) 1924: Allein auf sich gestellt, von den anderen Dorfbewohnern belächelt und gegen deren Willen baut der „erste Lehrer“ Düischen einen früheren Pferdestall um zu etwas, was es in dieser abgelegenen Gegend noch nie gab: eine Schule. Er selbst hat keine Schulbildung, aber getrieben vom Sinn und Ziel seiner Arbeit, fördert der idealistische junge Lehrer seine Schülerinnen und Schüler, wo immer er kann.–

Sehr einfühlsam beschrieben. Ein dünnes Buch mit starkem Inhalt.

(GP)

P.S. Aitmatov bringt seine Sympathie für kommunistische Ideen unaufdringlich zur Sprache. Lenin wird von seiner Hauptfigur idolisiert, doch ist es Düischen damit ernst, die kommunistischen Ideale nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben.

Von Autor vermutlich nicht beabsichtigt: Aus seiner Erzählung wird auch ersichtlich, warum das sozialistisch-kommunistische „Paradies auf Erden“ ein Luftschloss ist, eine Utopie bleiben wird; denn kein anderer in der ganzen Handlung des Buches ist auch nur annähernd so sozial und hilfsbereit gesinnt wie Düischen, so ganz auf das Allgemeinwohl bedacht. Zu unterschiedlich ist die charakterliche Reife von uns Erdbewohnern und insbesondere von den ganz uneigennützigen, sehr liebevollen Menschen (wie Aitmatovs „Erstem Lehrer“) gibt es zu wenige!

Artaban, der vierte Weise

Dyke, Henry van (Bilder von Katharina Gutknecht)

Von dieser Geschichte existieren verschiedene Versionen anderer Autoren: Der vierte König, der zu spät kam, weil er durch seine selbstlose, hilfsbereite Art unterwegs immer wieder aufgehalten wurde.

Die anderen drei Könige kommen rechtzeitig zu Jesu Geburt, bringen ihre Geschenke, aber haben Ihn mit ihrer Macht nicht weiter geschützt und damit ihre eigentliche Aufgabe nicht erkannt. (RK)

Besonders schön sind die Illustrationen in der Ausgabe des Ogham-Verlags.

Das wiedergefundene Licht

Lusseyran, Jacques

Originaltitel: And there was Light

Untertitel der ersten Auflage: „Die Autobiographie eines Menschen, den seine Blindheit sehen lehrte“.

Freudig, leidenschaftlich und innig beschreibt der Autor seinen Lebensweg. Er ist ein idealistischer junger Mann, der kein Zaudern, Zagen, Zweifeln kennt, obwohl er im Alter von acht Jahren durch einen Unfall erblindet. Aber … er „sieht“ und vor allem spürt sehr viel mehr als andere, entwickelt ein auch für Nicht-Blinde weit überdurchschnittliches Wahrnehmungsvermögen und eine fast 100%ige Menschenkenntnis.
Sehr bewegend beschreibt Jacques seine Freundschaft mit dem edelgesinnten Gleichaltrigen Jean.

Sehr beeindruckt hat mich, wie Jacques Lusseyran als Zwanzigjähriger die Haft im Konzentrationslager Buchenwald übersteht, was ihm durch seine geistige Überzeugung gelingt.
Dieses Buch ist Seite um Seite sehr empfehlenswert.

(GK)

Mir als Frau wäre es lieber, wenn es dieses Buch in zwei gesonderten Teilen gäbe:
Einen ersten Teil (Kindheit und Jugend) für alle Menschen, die sich mit Feinerem befassen möchten.
Und einen zweiten Teil (Aktive Untergrundbewegung und nachfolgend Haft im Konzentrationslager), welches ich vereinzelt z.B. an junge Männer (Kämpfer) weitergeben würde.

(UM)

 

Krabat

Preußler, Otfried

Anspruchsvoll und unheimlich.

(P.P.)

 

Der vierzehnjährige obdachlose Waisenjunge Krabat ist froh, als er Arbeit, Schlafplatz und Essen in einer Mühle bekommt. Dort muss er sich, wie die anderen elf Gehilfen, dem dunklen „Meister“ verdingen, wo er das Müller-Handwerk lernt und auch die Zauberei. Krabat erlebt, wie die satanische Magie jene mächtig und stark macht, die ihr folgen und sich ihr beugen. Aber … froh wird er dabei nicht und frei ist er nicht mehr; denn er hat seinen Willen dem Willen des schwarzen Meisters untergeordnet.

Nach traurigen Erlebnissen und dem Tod zweier ihm nahestehender Müller-Gesellen beginnt er, heimlich sich zu rüsten für den Kampf mit dem Magier-Meister. Dafür muss er viel lernen, um seinen eigenen Willen zu stärken. Außerdem braucht er, um seine Freiheit zu gewinnen, die Zuneigung und Liebe eines Mädchens.

Im Endkampf stehen sich die Kraft der selbstlosen Liebe und die dunkle Macht der Schwarzen Magie gegenüber.

Während der ersten fünfzig Seiten überlegte ich mehrmals, mit dem Lesen aufzuhören. Zwar ist es fesselnd geschrieben, aber ich kann dem Gruseligen nichts abgewinnen.  Da ich aber verstehen wollte, warum mir ein Lehrer und Vater vierer Kinder dieses Buch empfohlen hat, las ich weiter und … tatsächlich hat der Schlussteil des Buches mich entlohnt; denn von jetzt an gehören das Mädchen Kantorka, der Jüngling Kravat und sein Freund Juro auch zu meinen Lieblingshelden.

Wer mit Kravat dessen Weg zur Erlösung und Freiheit gehen will, muss wissen, worauf er sich beim Lesen dieses Buches einlässt: viele, viele Seiten voller Zauberformeln, schwarzer Magie, Beeinflussung der Gedanken anderer, Verwandlungen von Menschen in Tierkörper, Angst, Demütigung, Misstrauen, Mord und Tod

(Pu)

Otfried Preußler schreibt über sein Werk:

„Mein Krabat ist keine Geschichte, die sich nur an junge Leute wendet, und keine Geschichte für ein ausschließlich erwachsenes Publikum. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat. Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken. Da gibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon freizumachen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der Kraft der Liebe zuwächst, der Liebe, die stärker ist als die Macht des Bösen und alle Verlockungen dieser Welt.“

Kepler (Biografie / Sachbuch)

Hemleben, Johannes

Albert Einstein schreibt über seinen „Berufskollegen“ Johannes Kepler:

„Weder durch seine Armut noch durch das Unverständnis der maßgebenden Zeitgenossen, die den Verlauf des Keplerschen Lebens und Werkes erheblich bestimmten und die freie Entfaltung seines Könnens behinderten, ließ er sich zähmen oder entmutigen. Dabei hatte er es mit einem Gegenstande zu tun, der den Bekenner der Wahrheit auch unmittelbar gefährdete. Er gehörte jedoch zu den Wenigen, die überhaupt nicht anders können, als auf jedem Gebiete offen für ihre Überzeugungen einzustehen.“

Kepler ist sowohl offizieller „Mathematicus“ dreier aufeinanderfolgender Kaiser, als auch Lehrer, Naturforscher und Sternenkundiger (Astronomie und Astrologie), unter anderem Entdecker der nach ihm benannten drei Keplerschen Gesetze. Vor allem anderen ist Kepler ein Wahrheits- und Gottsucher.

Zu seinen Überzeugungen steht er unverbrüchlich, auch wenn er dadurch auf „Karriere“ und Geld verzichten oder ins Exil gehen muss.

Als lutherischer Protestant weigert er sich unter Lebensgefahr, zum Katholizismus überzutreten, wird dann später von der lutherischen Kirche ausgeschlossen, weil er nicht bereit ist, ein Dokument zu unterschreiben, das sich gegen die calvinistischen Protestanten richtet. Gefährlich für Kepler ist auch sein öffentliches Dafür-Eintreten, dass die Sonne sich nicht um die Erde bewegt, sondern das Umgekehrte der Fall ist. Hinzu kommt sein mehrjähriger Kampf, um seine als „Hexe“ angeklagte Mutter vor der Verurteilung zum Tod auf dem Scheiterhaufen zu retten.

Wer mehr von solch vorbildlichem Heldenmut  erfahren, ja lernen will, dem empfehle ich diese sehr beeindruckende Biografie eines Menschen, der zeit seines Erdenlebens unermüdlich nach Wahrheit und Erkenntnis suchte, forschte.       (G. K.)

„Sein Dasein war von unaufhörlichem Kampf begleitet – Kampf um den Lebensunterhalt, Kampf mit politischen Gewalten, Kampf um die Ermöglichung freier Forschung und vor allem für die Echtheit und Freiheit seines eigenen religiösen Bekenntnisses.“     (JH)

Wie sieht aktuell die Situation für Wahrheitssucher aus? Einem Freidenker in der Art von Johannes Kepler ergeht es in der heutigen ungeistigen Zeit nicht sehr viel anders als im finsteren Mittelalter; denn der Tod durch das Feuer ist durch modernere Formen abgelöst worden: unsachliche persönliche Angriffe, Tratsch und üble Nachrede, Spott, Verhöhnung und Verleumdung, die zum seelischen Rufmord führen sollen aller jener, die nicht den Ansichten der vorherrschenden  „wissenschaftlichen“, „religiösen“, „politischen“ oder „kulturellen“ Meinungen folgen.–

Bei seinem Forschen sieht Kepler sich in der Nachfolge des Pythagoras, der zwei Jahrtausende vor ihm tätig war.

Harmonie der Planetenumläufe  und deren mathematische Lösung ist für Kepler ein eindeutiger Hinweis für das Wirken Gottes; denn die Sternenwelt folgt Gesetzen, welche die Offenbarung eines harmonischen Ursprungs sind – und dieser ist Gottes, „mag die Welt der Menschen noch so disharmonisch verlaufen und fortgesetzt neue Disharmonien erzeugen.“

Kepler lernt und lehrt, im „Buch der Natur“ zu lesen, das Gott selbst geschrieben habe und in dem der Schöpferwille Gottes „wie die Sonne im Wasser oder im Spiegel“ erkannt werden könne.

Die Leser seines 1597 erschienenen Astronomie-Buchs erinnert er im Nachwort:

„Jetzt aber vergiss nicht den Zweck aller dieser Dinge, das ist die Erkenntnis, Bewunderung und Verehrung des allweisen Schöpfers.“

„Unsere Andacht dabei ist umso tiefer, je besser wir die Schöpfung und ihre Größe erkennen.“

G. K.

Der wiedergefundene Freund

Uhlman, Fred

Originaltitel: Reunion (Erster Teil) und No coward soul is mine (Zweiter Teil)

Teil I beschreibt die Freundschaft zweier sechzehnjähriger Jungen, die sich für gleiches begeistern können. Erstmals haben sie in dem anderen einen Gleichaltrigen gefunden, mit dem sie alles besprechen können, dem sie alles anvertrauen können.

Der Autor versteht es, den Leser teilnehmen zu lassen an den Träumen und Idealen der Jugendlichen:

„In meiner Klasse gab es niemand, der meinem romantischen Freundschaftsideal entsprach, niemand, zu dem ich aufsehen konnte, für den ich hätte sterben mögen und der mein Verlangen nach völligem Vertrauen, nach Treue und Selbstaufopferung begreifen konnte.“

Dann kommt der neue Mitschüler Konradin Graf von Hohenfels und mit dieser gleichgesinnten Seele beginnt für Hans ein neuer Lebensabschnitt.

„Vordringlich schien es uns, aus unserem Leben das Beste zu machen, wesentlich war zu entdecken, welchen Sinn dieses Leben besaß – falls es überhaupt einen hatte –, und wie das menschliche Dasein sich in diesen erschreckenden, unermesslichen Kosmos einfügen ließ. Vor Fragen dieser wirklichen und ewigen Bedeutung verblasste die Existenz solcher vergänglichen und lächerlichen Figuren wie Hitler und Mussolini.“ –

Fast täglich diskutieren die beiden Sechszehnjährigen über die Kernfrage: „Wie sollte man das Leben gebrauchen? Für welchen Zweck? Für das eigene Wohl? Für das Wohl der Menschheit? Wie machte man das Beste aus dieser schwierigen Aufgabe?“

Hans‘ Vater beschäftigt sich auch mit Jesu Lehre und dem Glauben der Christen:

„Einmal hörte ich zufällig wie mein Vater zu meiner Mutter sagte, trotz des Mangels an zeitgenössischen Belegen glaube er, dass Jesus eine historische Figur gewesen sei, ein jüdischer Sittenlehrer von großer Weisheit und Güte, ein Prophet wie Jeremia oder Hesekiel. Aber er könne einfach nicht begreifen, dass man diesen Jesus als Gottes Sohn bezeichne. Es sei für ihn blasphemisch [gotteslästerlich] und abstoßend, sich einen allmächtigen Gott vorzustellen, der tatenlos zusehe, wie sein Sohn diesen bitteren, langsamen Tod am Kreuz erleide, einen göttlichen ‚Vater‘, der nicht einmal den Drang eines menschlichen Vaters verspüre, seinem Kind zu Hilfe zu eilen.“

Wie die meisten Juden verkennt Hans‘ Vater die durch die nationalsozialistische Partei aufkommende Gefahr und sagt, dass Hitler nicht sein Vertrauen in Deutschland erschüttere: „Glauben Sie wirklich, dass die Landsleute von Goethe und Schiller, Kant und Beethoven auf so einen Quatsch hereinfallen?“

Wird auch Konradin hereinfallen? Es kommt zur Bewährungsprobe für die Freundschaft mit seinem jüdisch-deutschen Freund Hans…

Teil II: Nachdem Teil I aus der Sicht von Hans geschildert ist, besteht der zweite Teil aus einem langen Brief Konradins an seinen Freund Hans. Es sind die noch fehlenden Teile des Zusammenlegspieles, welche der Leser im ersten Teil nur ahnen kann.

Teil II ist gröber geschrieben. Hat es damit zu tun, dass der Autor Fred Uhlman den zweiten Teil 14 Jahre später herausgegeben hat?
Die Worte, die er Konradin von Hohenfels in den Mund legt, sind nicht mehr die eines idealistischen Jugendlichen, sondern es sind Schilderungen eines desillusionierten erwachsenen jungen Mannes, dessen Hoffnungen und Träume ertötet worden sind, weil er den Worten und Täuschungen Hitlers auf den Leim ging.
Auch sein Verhältnis zu Frauen hat sich gewandelt. Er ist nicht mehr der Konradin, für den als Sechzehnjähriger „Mädchen höhere Wesen von märchenhafter Reinheit waren, denen man sich nur als Troubadour nähern durfte, mit ritterlicher Hingabe und in scheuer Anbetung.“

Wer mehr verstehen will über die geistig-seelischen Hintergründe, welche zur Katastrophe in Deutschland von 1933 bis 1945 geführt haben, dem sei dies Buch empfohlen, zeigt es doch, wie auch der hochangesehene jüdische Chefarzt die Situation 1932 falsch einschätzt und wie sogar Ideale suchende Menschen wie Konradin sich zunächst verführen lassen. Aber Konradin von Hohenfels gehört zu den wenigen, die ihre Leichtgläubigkeit, ihr Mitlaufen und Fehlgehen gutzumachen versuchen. Wie er das angeht, wird hier nicht verraten.

(GK)

Der spanische Rosenstock

Bergengruen, Werner

Durch eine jahrelange Trennung zweier junger Liebender wird deren Beziehung und Liebe nicht weniger, sondern erstarkt trotz mancher Widrigkeiten.

Diese Liebesgeschichte lässt sich fast in einem Zug lesen. Sehr schön und schlicht geschrieben. Zauberhaft!

(GK)

Eine edele Liebesgeschichte.

(RK)

Mich hat dieses Büchlein angerührt, da man die innige Liebe zwischen der Herzogtochter Oktavia und dem Bediensteten Lysiander spürt. Lysiander möchte in einem fernen Land sein Glück versuchen, um Geld zu verdienen und dann um die Hand von Oktavia beim Herzog als wohlhabender Bräutigam anzuhalten. Dies bedeutet allerdings eine Trennung von 7 Jahren. Um in dieser Zeit miteinander in innigem Kontakt verbunden zu bleiben, schenkt Lysiander seiner Geliebten einen spanischen Rosenstock, der mit seinem Blut, seinen Haaren präpariert ist. Zum Vollmond verabreden sich die Geliebten, dass sie beide besonders innig Kontakt zueinander suchen. Oktavia solle Briefe an ihn schreiben, diese im Anschluss verbrennen und dann die Asche in die Erde des Rosenstocks mischen.

Die Liebe der beiden wird auf eine harte Probe gestellt, denn Celia, eine Bedienstete, möchte, dass sich Oktavia mit ihrem Bruder Filenio verbindet und ahnt, dass der spanische Rosenstock ein Unterpfand einer Liebesbeziehung zu einem anderen Mann ist. Daher ersetzt sie während einer Reise von Oktavia den originalen Rosenstock durch einen anderen und gibt eine zerstörerische Säure in den Wurzelbereich.

Oktavia bemerkt bei der Rückkehr, dass der Rosenstock ihr nicht mehr so vertraut ist und ist sehr traurig darüber.

Die Geschichte ist sehr lyrisch geschrieben und macht mir klar, wie zart und empfindlich die Liebe zwischen Oktavia und Lysiander ist. Es rührt mich an, wie sie über den Rosenstock ihre Liebe lebendig erhalten über so viele Jahre…

(K.M)

Der Großinquisitor

Dostojevski, Fjodr

Was würde geschehen, wenn Jesus in der Neuzeit wieder zur Erde käme? In Dostojevskis kurzer Erzählung sind es erneut Diener der Kirche, die in Jesus einen Störenfried sehen, so wie Ihn bereits vor zweitausend Jahren der Hohepriester und die Pharisäer abgelehnt hatten. In visionärer Art beschreibt Dostojewski ein solches Geschehen:

Der Großinquisitor lässt Jesus in den Kerker werfen. Dort sucht Ihn der Kirchenfürst auf, redet pausenlos auf Ihn ein:

„Denn uns zu stören, bist du gekommen, das weißt du sehr gut.“

Im Verlaufe seines Monologes gibt der oberste Kirchendiener zu, wie die Kirche mit ihren Gläubigen umgeht:

„In deinem Namen, hör zu, werden wir sie sättigen, bedenkenlos werden wir lügen: In deinem Namen. … Wir aber werden vorgeben, wir seien Gehorchende, herrschend nur in deinem Namen.“

Er wirft Jesus vor, dass es falsch von ihm war, die Menschen innerlich frei machen zu wollen; denn

„Uns kam es zu, alle zu lehren, dass nicht die freie Entscheidung des Herzens wichtig ist und nicht die Liebe, sondern nur das Geheimnis, dem blind zu vertrauen ist – auch gegen das eigene Gewissen. So haben wir getan. Wir haben deine Tat verbessert.
… Wir werden sie überzeugen, dass sie frei nur dann sind, wenn sie sich lossagen von deiner Freiheit um unserer Freiheit willen und wenn sie tun, was wir ihnen sagen.
… Oh, wir werden erlauben zu sündigen; denn sie sind für Sünde anfällig und schwach.
Und sie werden uns lieben wie Kinder, dafür, dass wir ihnen die Sünde nicht übelnehmen.
Wir werden ihnen sagen, dass man sich loskaufen kann von der Sünde, von jeder, wenn sie nur mit unsrer Erlaubnis geschah.“

Und Jesus sagt kein Wort, schweigt wie er seinerzeit schwieg, als Ihn Menschen anklagten, schlugen und die Dornenkrone aufs Haupt setzen.
Schließlich spricht der Großinquisitor das Geheimnis aus, auf wessen Seite die Kirche steht, was sie so mächtig macht. Dieses Geheimnis soll dem Leser hier nicht vorweggenommen werden.

Es bleibt nicht allein bei der Demaskierung der Kirchendiener, sondern der aufmerksame Leser wird unausgesprochen vor Fragen gestellt wie:
Was würdest Du tun, wenn Christus heute in neuer Gestalt unter die Menschen träte oder ein von Ihm Gesandter?
Entscheidest Du Dich dann für die Befreiung Deiner Seele aus der irdischen Versunkenheit?
Oder gehst Du weiter den Weg des bequemen Dahinlebens und glaubst blind daran, Deine Sünden könnten Diener einer Kirche Dir vergeben?

P.S. Als Dostojevski 1879 die Legende vom Großinquisitor vor Studenten vorträgt, heißt es in seiner Einführung:

Wenn der Glaube an Christus verfälscht und mit den Zielsetzungen dieser Welt vermengt wird, dann geht auch der Sinn des Christentums verloren.

(GK)

Eingebaut in Dostojevskis Roman „Die Brüder Karamasov“ gibt es eine Erzählung mit dem Titel „Der Großinquisitor“, die auch separat als Buch veröffentlicht wurde. In dieser Allegorie erscheint der Gottessohn Jesus im Mittelalter wieder unter den Menschen, erleidet die gleichen Angriffe und Gewalttätigkeiten wie fünfzehn Jahrhunderte zuvor, diesmal jedoch zugefügt durch genau jene Personen, die sich selbst als Seine Anhänger bekennen.

Dostojevski spricht durch die Stimme einer Person der Kirche, das ist der Großinquisitor, der eigentlich dazu ausersehen ist, die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Wahrheit zu schützen, sich aber als der Wahrheit größter Feind erweist. Dostojevski geißelt die religiösen Bewegungen, die darnach trachten, Christi Werk zu „verbessern“.

Die große Einsicht Dostojevskis ist die Erkenntnis, dass „Menschen stets das Wunder suchen“ als Rechtfertigung für den Glauben – „Wunder“ im Sinne des Unnatürlichen, also im Gegensatz stehend zu Gottes einfachen Naturgesetzen, die weder gebrochen noch umgangen werden können. Den Großinquisitor lässt er zu Jesus sprechen:

Wir haben Dein Werk verbessert und es auf dem Wunder, auf dem Mysterium und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen frohlocken, dass  wir sie abermals führen wie eine Herde und dass wir aus ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual gebracht hat [Notiz von DR: gemeint ist die von Christus gebrachte Botschaft der Wahrheit].
Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die Menschheit nicht geliebt, indem wir in Sanftmut deren Schwäche erkannten und mit Liebe die Bürde leichter machten und ihre schwache Natur von der Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören?“

… Soll ich Dir unser Geheimnis enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm dann: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit ihm, das ist unser Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit ihm [Notiz von DR: mit dem Antichrist].

Schließlich:

Deine Hoffnung war, dass der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, sich an Gott halten und des Wunders nicht bedürfen würde. Aber Du wusstest nicht, dass der Mensch, wenn er das Wunder verwirft, auch Gott verwirft; denn der Mensch sucht Gott nicht so sehr wie das Wunder.

Alles in allem, “Der Großinquisitor” ist eine ausgezeichnete Darstellung vieler Fragen mit Bezug zu Glauben und persönlicher Überzeugung, womit jeder ernste Mensch, der nach Klarheit sucht, sich beschäftigen sollte. …

DR

Dshamilja

Aitmatov, Tschingis

Lassen sich das Empfinden und die Gefühle der Liebe und des Verliebtseins mit Worten malen? Ja, der in Kirgisien aufgewachsene Tschingis Atimatov kann es, lässt seine Leser miterleben und fühlen, wie zwei junge Menschen ganz unterschiedlicher Wesensarten sich innerlich näherkommen: die ehrlich-direkte Dorfschönheit Dshamilja und der in sich gekehrte, ernst-verträumte Einzelgänger Danijar. Geschildert wird es aus der Sicht des fünfzehnjährigen Said, der sich zunächst wie die anderen Dorfbewohner über Danijar lustig macht. Bis er ihn eines Abends draußen in der Natur singen hört und erkennt:

„Das war ein Mensch, der eine tiefe Liebe in sich trug. Keine Liebe, das fühlte ich, wie man sie für einen anderen empfindet, sondern eine weit größere, die Liebe zum Leben, zur Erde. Ja, er verwahrte diese Liebe in sich, in seiner Musik, er lebte durch sie. … Wenn ich ihn singen hörte, dann hätte ich mich am liebsten zur Erde geworfen und sie wie ein dankbarer Sohn umarmt, allein schon dafür, dass ein Mensch sie so lieben konnte… ich wusste, dass er in seinem Herzen reicher war als wir.“

Eine schöne, edle Liebesgeschichte, in zarten, wehmütigen Tönen geschildert, ohne die Grenzen zur Sentimentalität zu überschreiten. 

(GP)

Die geheime Sprache der Vögel

Müller, Ralph

Ein mit viel Herz geschriebenes Sachbuch.

Ralph Müller lehrt nicht über Vögel, sondern hat von Vögeln gelernt. Einfühlsam beschreibt er, was der Vogel- und Naturfreund beachten muss, um ein guter Beobachter und Vogelkenner zu werden.

Kein Vogelbestimmungsbuch sondern eine Liebeserklärung an die Vögel mit vielen Hinweisen, wie der Leser sich der Vogelwelt nähern und öffnen kann.

Wärmstens zu empfehlen allen, die das wollen, was der Buch-Untertitel sagt:
Den Vögeln lauschen, sich berühren lassen, von ihnen lernen.

(GK)

Auge in Auge mit dem Vogelbuch-Autor Ralph Müller

Das Gold von Caxamalca

Wassermann, Jakob

Wie konnten wenige hundert gierig-listige Söldner hunderttausend harmloser Inkas unterwerfen? Der Leser erlebt, wie die „Wölfe“ mit den „Lämmern“ umgehen; er wird hineinversetzt in die Lage des gefangen gesetzten Inka-Fürsten Atahualpa, dem das alles unbegreiflich fremd ist, was General Pizarro und dessen Gefolgsleute wollen, denken, treiben.

Ohne Umschweife, spannend bis zur letzten Seite, beschreibt der Autor diese Episode unserer Menschheitsgeschichte. Damit verwoben ist die allmähliche Läuterung eines der goldgeilen Schlächter; denn durch das Vorbild der Inkas wird ihm die „Nichtigkeit allen Habens“ vor Augen geführt sowie „das, was der Mensch ist und was er versäumt zu sein.“

Ein allgemeinbildendes Büchlein, gleichermaßen anschaulich für Geschichts-, Religions-, Ethik-, Psychologie- und Deutsch-Studien.

(Pu)

Erschütternd beschreibt das Buch, wie die Verschiebung der Werte zum Absturz des Menschen führt. Auf der einen Seite die Spanier, welche nach irdischen Werten wie Machtgier, nach Geld, nach Ruhm streben und wie dabei die Würde des Menschen herabsinkt bis zum Unmenschen. Auf der anderen Seite der Inkahäuptling Atahualpa, der in seiner Würde auch als Gefangener immer als Sieger hervortritt. Es zeigt sehr deutlich auf, wie sich Tugenden durch die Verbindung zum Licht im Menschen so festwurzeln können, dass sie in schwierigsten Situationen Distanz zum Irdischen schaffen: Klarheit, Freiheit, Aufrichtigkeit, Würde, Hilfsbereitschaft, Mut, Anmut, Heldentum…

Nach wahren Begebenheiten geschildert. Eine Erzählung, die uns einen Spiegel vorhält zu sehen, wo wir stehen und wo wir hinkommen sollen, um selber frei zu werden…

(MH)

Das Mädchen vom Moorhof

Lagerlöf, Selma

Es gab und gibt sie noch: Menschen, die bei ihrem Tun und Lassen erst an den anderen und dessen Wohl denken.

Die Erzählung handelt von einem Mädchen mit unehelichem Kind, es geht um Liebe und Verzicht, Mut und Feigheit, Selbstlosigkeit und Gier.

Faszinierende Charaktere voller Leben zeichnet die schwedische Literatur-Nobelpreisträgerin. Ihr Büchlein möchte man am liebsten ohne Pausen weiterlesen, was bei nur 80 kurzen Seiten auch möglich ist.

(GP)

 

Die Möwe Jonathan

Bach, Richard

Originaltitel: Jonathan Livingston Seagull

Der Höhenflug ist erlernbar! Damit hat es Jonathan nicht leicht, denn

die meisten Möwen begnügen sich mit den einfachsten Grundbegriffen des Fliegens, sind zufrieden, von der Küste zum Futter und zurückzukommen … Jonathan aber war das Fressen unwichtig, er wollte fliegen, liebte es mehr als alles andere auf der Welt.

Diese Neigung machte ihn bei den übrigen Vögeln nicht gerade beliebt, das merkte er bald. Selbst seine Eltern waren unzufrieden …-

Viele eindringliche Stellen hat dieses Buch. Und im gleichnamigen Film hat man die Meereswellen und den Vogelflug wunderschön aufgenommen.

Im Mittelteil gibt es einige verwirrende Sätze, die philosophisch-esoterisch sein sollen. Da gilt es zu prüfen, ob der Autor nicht „abhebt“. Dennoch im großen und ganzen: ein wohltuendes und anregendes Buch.

(Pu)

Der Mann der überlebte (George W. Carver, eine faszinierende Lebensgeschichte)

Elliott, Lawrence

Originaltitel: The Man Who Overcame

Auch beim wiederholten Lesen tauche ich so ergriffen wie beim ersten Mal in diese besondere Lebensgeschichte ein.

Wieviel Würde und wahres Menschentum dieser Mann doch bewies, und wie segensvoll er wirkte!

Ich schätze auch den fein geschliffenen Schreibstil des Autors (und die Leistung des Übersetzers). Die Schilderungen sind klar und von solchem Farbenreichtum, dass sie von der ersten bis zur letzten Zeile ein abgerundetes Lebensbild vor Augen stellen.     

(MW)

Die wahre Lebensgeschichte von einem, der es von Geburt an nicht leicht hatte: schwarze Hautfarbe, Sklave, kränkliche körperliche Gesundheit. Aber er übersteht und überwindet diese Hindernisse und wird schließlich ein berühmter Botaniker und Erfinder, wobei es ihm am Herzen lag, mit seinen Erfindungen anderen Menschen zu helfen.

                                                               (RK)

George Carver

Dem Rad in die Speichen fallen

Wind, Renate

Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer. Zwar ist er ein Mann der Kirche, dennoch bleibt er frei genug, um ein „religionsloses Christentum“ sich zu wünschen, denn „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben“.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Amtskollegen lehnt der Pfarrer Bonhoeffer den Treueid auf Adolf Hitler ab, stellt sich der Tyrannei der Nazis entgegen; er will „nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad in die Speichen fallen.“

Eine bewegende Biografie der Zivilcourage, weder als Roman noch als wissenschaftliche Abhandlung geschrieben, sondern sachlich und zugleich gepaart mit persönlicher Wärme.

(HW/GP)

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (1932)

Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

Goethe, Johann Wolfgang von

„Das Märchen“ von Goethe ist eine lehrreiche Geschichte über den zu hoch geachteten Wert des Materiellen, über Wesenhaftes, über die Eitelkeit, über den „Wettlauf“ mit der Zeit usw. in einer überaus schönen Sprache, dadurch geeignet, seinen deutschen Wortschatz zu erweitern, geistige Bilder und Symbole aufzunehmen (am Beispiel der „schönen Lilie“). Auch verhilft „Das Märchen“ dazu, sein Bewusstsein für Gefahren im Irdischen und im Inneren zu schärfen. Dies alles und noch viel mehr ist hier dramatisch erfahrbar, aber doch so sanft… in der wunderbaren Sprache Goethes. Es eröffnet sich für den Leser gleichsam eine innere Oper in Worten, faszinierend vom ersten bis zum letzten Wort in einem großen Spannungsbogen.
Die Quintessenz von Märchen, insbesondere diesem, sollte man freilich nicht mit dem Intellekt interpretieren, sondern den Glanz, das Licht, die Poesie intuitiv aufnehmen.

(SD)

Kennen Sie das, wunderschön zu träumen, ohne zu verstehen was Sie im Traume sehen? Aber Sie sind glücklich nach dem Traum, der bei allem scheinbaren Durcheinander dennoch eine geheime Ordnung in sich trägt und ein gutes Ende hat.
So erging es mir beim Lesen dieses sonderbaren Märchens für Erwachsene, worin der Alte zu der schönen Lilie spricht:

„Sei ruhig, schönstes Mädchen! Ob ich helfen kann, weiß ich nicht, ein Einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt. …
Der Alte sah nach den Sternen und fing darauf zu reden an: Wir sind zur glücklichen Stunde beisammen; jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht, und ein allgemeines Glück wird die einzelnen Schmerzen in sich auflösen …“

Und tatsächlich helfen sie alle einander: der Fährmann, die Schlange, der Riese, die schöne Lilie, der Alte mit der Lampe, sein altes Weib, der Jüngling, der Habicht und die zwei Irrlichter.

Ein Märchen, das den dafür offenen Leser erhellt. Ein Märchen, das man nicht versuchen sollte mit dem Intellekt zu verstehen oder zu „interpretieren“; denn dann verliert es seinen Zauber, seine Wärme.

(GK)

Johann Wolfgang von Goethe

Höret die Stimme!

Werfel, Franz

Die Geschichte vom Ringen, Lieben, Leiden Jirmijahs, des Propheten Jeremias. Dabei bekam ich als Leser ständig den Eindruck, als sei der Autor selbst dabei gewesen vor 2.600 Jahren, als stecke er auch in der Seele seiner Roman-Hauptgestalt.

Präzise und bildhaft beschreibt Franz Werfel äußere und innere Geschehen: Jeremias wirkt als Berater für verschiedene Könige, als Erzieher der Kronprinzen, aber … in entscheidenden Momenten hören sie alle – und auch das Volk – nicht auf seine mahnende Stimme.

Die ersten drei Kapitel bilden die Rahmenhandlung in der heutigen Zeit – sie sind ein wenig mühsam zu lesen – bevor es dann ab Kapitel 4 bis 33 Schlag auf Schlag ins frühere Leben zurückgeht, wo der Leser hofft und leidet mit diesem furchtlosen Menschen, der stets nur helfen will.

Ein sprachgewaltiges, begeisterndes Werk für jene, die nicht nur Spannung möchten, sondern auch lernen wollen von den Stärken und Fehlern anderer, die allzu oft die eigenen waren oder noch sind.              

(GP)

Fast alle empfangenen Raunungen von Oben, die der Prophet den Königen künden durfte, waren diesen unbequem und sie haben diese unbeachtet gelassen. Die Mächtigen dieser Welt haben sich damals wie auch heute nur von ihrem Eigenwollen (von dem sie wohl meinten bzw. meinen es sei gut) leiten lassen. In diesem Sinne sind die gemachten Aussagen des Romans so aktuell wie damals.

Besonders beeindruckt hat mich auch die Aussage des Schriftstellers, dass Jeremias bei der Niederschrift der Kündungen sehr darum ringen musste, das empfangene Wort nicht mit seinen eigenen Worten zu vermischen.

(HRH)